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Am 26. März veranstaltete die AOK ein Pflegeforum zum Thema "Die Zukunft der sozialen Pflegeversicherung", bei der MÜNCHENSTIFT-Geschäftsführer Gerd Peter ein Referat über die aktuelle Situation der Altenpflege und deren Weiterentwicklung gehalten hat.

In Würde versorgt oder von allen vergessen?

Anmerkungen zur Situation der Altenpflege

Wenn wir über die Zukunft der sozialen Pflegeversicherung reden, dann geht das nicht, ohne über die Zukunft der Altenpflege zu sprechen und schon gar nicht, ohne eine Diskussion über deren Zustand zu führen. Kein Arbeitsfeld in Deutschland ist in der öffentlichen Meinung so schlecht beleumundet wie die Altenpflege und ich füge hinzu: teilweise sogar zu Recht! Umfragen zufolge wollen 92 Prozent der Befragten in kein Heim, das ist verheerend und alarmierend zugleich!

Heribert Prantl schrieb vor über zwei Jahren in der Süddeutschen Zeitung am 3.9.2007 „Die organisierte Entwürdigung der Alten ist nicht die Regel, aber auch nicht die Ausnahme..... und wir alle hier wissen es: er hat Recht!

Damit wir uns nicht missverstehen: Es gibt viele gute Heime und viele gute Pflegekräfte, die hervorragende Arbeit leisten, aber es gibt auch das Gegenteil,es gibt gravierende Mängel – und ich sage bewusst: auch in guten Einrichtungen –, die sich nicht einfach nur mit einem „das ist halt mal so“ beiseite wischen lassen.

Teils zu Unrecht, aber in viel zu vielen Fällen zu Recht, diskutiert die Öffentlichkeit seit Jahren unter dem Eindruck

  • Schlechter Pflege,
  • Gewalt in der Pflege,
  • Vernachlässigung wehrloser, alter Menschen,
  • Freiheitsberaubung und Verweigerung grundlegender Rechte

die Themen Transparenz und Qualität in der Pflege.

Der Staat reagiert nicht, weil er nicht die Kraft hat, schlechte Einrichtungen zu schließen und weil alte Menschen nur bei engagierten Sozialpolitikern, nicht aber auf der großen Bühne „Politik“ ein Thema sind. Heimträger und Lobbyisten behaupten seit Jahren immer wieder: „Es sind doch bloß Einzelfälle“, die Pflege bräuchte nur mehr Geld um gute Arbeit zu leisten und im übrigen sei ja sowieso alles in Ordnung“.

Obwohl die Gesellschaft aufschreien müsste und sagen: Bei der Pflege und Unterbringung alter Menschen kann es nur null Toleranz gegenüber Einrichtungen und ambulanten Diensten geben, die mit den Menschen würdelos und schlecht umgehen, sehen wir zu und nehmen die Situation weitgehend tatenlos hin.

Und jetzt kommt noch etwas ganz Perfides dazu: Nicht nur wir, sondern alle wissen: Auch heute ist noch soviel Geld im System, um damit nicht nur eine ausreichende, sondern sogar gute Qualität zu bieten, und trotzdem lügen wir der Öffentlichkeit vor, dass wir das nicht leisten können!

Woran liegt das eigentlich? Wer über die Zukunft der sozialen Pflegeversicherung ehrlich diskutieren will, muss zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland in eine demografische Katastrophe ungeahnten Ausmaßes schlittert und niemand der politisch Verantwortlichen es zur Kenntnis nimmt, geschweige denn darauf angemessen reagiert. Dafür reden wir über Notensysteme, Pflegeteilzeit, schauen kollektiv vom Schwarzmarkt osteuropäische Pflegekräfte weg und glauben, wir sind die Weltmeister. Während die über 60-jährigen bis 2030 sich seit 1990 mehr als verdoppeln, geht die Zahl der über 20-jährigen im gleichen Zeitraum um fast ein viertel zurück. Diese Tendenz wird zunehmen.

Ein enormer medizinischer Fortschritt ermöglicht ein immer höheres Alter, aber niemand fragt, um welchen Preis! Wenn wir enorme Summen für das immer älter werden ausgeben können, dann muss doch gleichzeitig auch ausreichend Geld dafür da sein, dass unser Leben in Würde und Anstand zu Ende gehen kann. Das ist es aber leider nicht. Nicht einmal die heutige Personalnot führt zu ernst zu nehmenden politischen Reaktionen. Die Bayerische Staatsregierung behauptet auf der Basis einer Umfrage des Bundesverbandes Privater Pflegeeinrichtungen allen Ernstes, wir hätten kein Ausbildungsproblem in der Altenpflege und weigert sich, ganz im Interesse der Lobbyisten, Ausbildung über eine Umlage zu finanzieren.

Wer Mindestlöhne in der Altenpflege von 8.50 Euro als Erfolg der Branchenselbstverwaltung feiert, der hat weder den Ernst der Lage, noch den ethischen Wert dieser Arbeit begriffen.

Wir können aber nicht seriös über die Zukunft der Sozialen Pflegeversicherung diskutieren, wenn wir nicht offen ansprechen, was heute bereits möglich wäre, aber weitgehend nicht umgesetzt wird. Deshalb muss ich  kurz skizzieren, was denn alles möglich wäre und wofür Kostenträger, Angehörige und Heimbewohner zahlen.

Alte Menschen, die ins Heim müssen - es geht ja kaum jemand freiwillig -  haben Anspruch darauf, sich in ihrer ohnehin schwierigen Situation heimisch zu fühlen. Ob wir uns irgendwo heimisch fühlen, liegt nicht nur an einer vertrauten Umgebung, sondern auch an den gewohnten Tagesabläufen, an unseren kleinen Ritualen zwischen Aufstehen und Frühstück, an alltäglichen Verrichtungen, die uns vertraut sind und die uns auch Sicherheit geben. Wohngruppen und das Zusammenleben in Hausgemeinschaften knüpfen an Strukturen an, die alte Menschen aus ihrem Alltag kennen und doch sind sie in Heimen immer noch in der Minderheit.

Es geht oftmals nur um Kleinigkeiten: Um ein schönes Frühstück, um Essen, das man mag, um die Förderung des selbstständigen Essens, um den Sonntag als etwas besonderes, um guten Geruch und Duft, um Kräutertöpfe auf dem Tisch, um einen respekt- und würdevollen Umgang, mit Namen anreden, anklopfen und fragen, ob ich reinkommen darf. Nicht die Schichtpläne der Mitarbeiter bestimmen den Tagesablauf, nicht die Fernseh- und Radioprogramme, die von den Mitarbeiter gewollt sind, laufen, sondern die Bedürfnisse der Kunden sind entscheidend. Deshalb gehen wir bei unserer Arbeit  auch vom Grundsatz aus, dass wir in der Wohnung der Bewohner arbeiten und nicht die Bewohner Gäste an unserem Arbeitsplatz sind! Wenn das in einem Heim Standard ist, dann kann man sich auch in einer neuen Umgebung halbwegs heimisch fühlen.

Und vieles, was Qualität ausmacht, kostet nicht einmal Geld oder nur wenig. Man muss es nur wollen und das Wollen beginnt immer an der Spitze, nicht nur in der Politik, sondern auch bei einem Heimträger.

Wir wissen, dass wir ein vitales Interesse daran haben müssen, Bewohner zu aktivieren und zu beschäftigen, weil sonst eine weitere Desorientierung die Folge ist. Qualität ist auch, immer wieder Psychopharmaka in Frage zu stellen, obwohl sie vom Arzt verschrieben sind, denn unser Ziel muss es sein, sie zu reduzieren und den Ursachen auf den Grund zu gehen.

Alte Menschen stürzen. Wer stürzt, macht Arbeit. Deshalb sind in Heimen vielfach Bettgitter und Fixierungen im Rollstuhl an der Tagesordnung. Wir bei der MÜNCHENSTIFT sagen: Mit Sturzgefährdung kann man anders umgehen! Das heißt nicht, dass bei uns niemand mehr stürzt, sondern, dass wir überall dort, wo freiheitsentziehende Maßnahmen unabdingbar scheinen, nach weniger einschränkenden Maßnahmen suchen und sie auch finden, denn nicht alles, was rechtlich einwandfrei ist, ist auch pflegerisch und menschlich richtig.

"Ja, wovon zahlt ihr denn das alles?", werde ich oft gefragt. Nun, unsere Pflegesätze sind hoch, sehr hoch sogar, aber vieles von dem, was ich hier skizziert habe, kostet wenig bis nichts, außer dem Willen, sich in die Lage alter Menschen hinein zu versetzen, ihre Würde zu verteidigen und dem Willen, sich durchzusetzen, auch gegen langjährige Mitarbeiter.

Damit bin ich beim Thema Transparenz. Wir veröffentlichen von jeher nicht nur unsere Jahresabschlüsse, sondern stellen auch unsere jährlichen Qualitätsberichte ins Internet. Wir besprechen die Heimaufsichts- und MDK Berichte, die in jedem Haus im Eingangsbereich aushängen, mit den Heim- und Angehörigenbeiräten. Bei uns gehen heute 640 Ehrenamtliche ein und aus, nicht als billige Arbeitskräfte, sondern weil sie unsere Häuser enorm bereichern.

Auch diese Dinge kosten fast nichts. Ein besonderes Qualitätsmerkmal – übrigens auch nicht im Notensystem enthalten – ist die Frage, ob Heime Mitarbeiter für Rückstufungen belohnen, anstatt zu sagen, die höchste Pflegestufe ist uns die wichtigste, weil sie am meisten Geld bringt. Zu transparenten Altenheimen gehört auch ein entsprechendes Beschwerdesystem. Beschwerden sind auch nicht Ausdruck schlechter Arbeit, sondern einer guten Unternehmenskultur! Nach all den Diskussionen um bessere Pflege, um ein Minimum an Würde und Respekt, um Offenheit und Transparenz haben wir geglaubt, mit der Reform der Pflegeversicherung wäre es endlich soweit, aber dem ist leider nicht so. Falsche Politik und knallharte Lobbyarbeit haben dafür gesorgt, dass sich  nichts ändert, ja sogar erreicht, dass die Geprüften über Prüfverfahren und Prüfkriterien mit abstimmen konnten und das ist absurd!

Heime müssen jetzt nicht nur weiterhin nicht offen legen, was sie einnehmen, wofür sie es ausgeben und was übrig bleibt, sondern sie brauchen vor allem das Notensystem des MDK nicht zu fürchten. Wer unbehandelte Druckgeschwüre mit gut lesbaren Speiseplänen ausgleichen kann, sorgt nicht für mehr Transparenz, sondern stabilisiert weiterhin schlechte Arbeit und schlechte Heime auf Kosten hilfloser alter Menschen. In Wahrheit hat Politik längst vor den Lobbyisten kapituliert und versucht, Bewohnern, Angehörigen und der Öffentlichkeit eine Transparenz vorzutäuschen, die eine Garantie für weitere schlechte Pflege darstellt.

Auch wenn der MDS jetzt zurück rudert und manche Trägervertreter von einem im Grunde guten Ansatz sprechen, es geht einfach nicht, dass die Geprüften über das Prüfen mitberaten und entscheiden. Das bisherige Heimgesetz und auch die jetzigen, eigentlich überflüssigen Heimgesetze der Länder, beinhalten genügend Möglichkeiten, Heime, die auf Kosten alter Menschen ihr Geschäft betreiben,  zu schließen und die Verantwortlichen  zur Rechenschaft zu ziehen. Nur wollen muss man es halt.

Nur, wer schließt denn ein schlechtes Heim? Warum sind die Heimaufsichtsbehörden in den meisten Fällen personell schlecht ausgestattet? Warum traut sich kein Mitarbeiter der Heimaufsicht, ein schlechtes Heim zu kritisieren? Schauen Sie in Vorstände und Präsidien von Wohlfahrts- und Trägerverbänden, dann haben sie die Antwort. Dabei wäre Transparenz so eine einfache Sache. Wenn all unsere Alten- und Pflegeheime so gut sind, wie Verbandsfunktionäre vorgeben, wenn schlechte Pflege immer nur bedauerliche Einzelfälle sind, was hat die Einrichtungen dann bisher daran gehindert und was hindert sie künftig daran, ihre Einnahmen, Ausgaben, Überschüsse oder Verluste, sowie ihre  Heimaufsichts- und MDK Berichte, zu veröffentlichen? Letztlich soll doch nur ein quasi amtliches Gütesiegel erworben werden, damit man der aufgebrachten Öffentlichkeit sagen kann: "Schaut her, die Situation ist doch ganz gut". Aber das ist jetzt ja gar nicht mehr wichtig, denn über Nacht schießen die Heime mit der Gesamtnote `1’ wie Pilze aus  dem Boden. Man muss sich das mal vorstellen: die Note eins ist hervorragend, eigentlich nicht mehr steigerungsfähig. Politik, Interessensvertreter der Heimträger und Kostenträger haben der Sache einen Bärendienst erwiesen: Wir sind nicht über mehr Transparenz auf dem Weg zu mehr Qualität, sondern,die Altenpflege hat plötzlich kein Problem mehr. Sie braucht nicht mehr Personal, sondern sie ist in der Lage, mit dem vorhandenen Personal alles abzudecken. Die Altenpflege braucht demnach auch nicht mehr Geld, weil sie mit dem vorhandenen hervorragende Arbeit leistet. Die Kostenträger werden sich freuen! Wie schlecht müssen eigentlich die Heime gewesen sein, die jetzt die Noten ausreichend und schlechter erhalten?

Die MÜNCHENSTIFT leistet sicher gute Arbeit. Trotzdem wäre ich nicht so vermessen zu behaupten, wir sind hervorragend, das können wir bei den Anforderungen und einer Rund um die Uhr Betreuung schwerstpflegebedürftiger und schwerstkranker alter Menschen gar nicht leisten!

Die Transparenzvereinbarung ist eine Täuschung – andere würden sagen ein Betrug – am Verbraucher. Und das Schlimme ist: die Verursacher des Prüfsystems wussten, was sie anrichten! Die guten Noten sind die politisch gewollte Ruhigstellung und das Leugnen der Probleme einer zentralen Branche in unserer Gesellschaft! Es ist eine Schande, auf diese Art und Weise weiter auf dem Rücken wehrlosere alter Menschen weiter Politik zu machen.

Ich möchte nicht schließen, ohne die Frage zu beantworten, was man denn tun könnte, um der Öffentlichkeit ein ungeschminktes Bild der Qualität eines Heimes zu geben? Wenn schon partout eine Kontrolle sein muss, dann gäbe es auch noch eine andere Möglichkeit: Den Pflegequalitätstest des MDK Bayern. Gut, übersichtlich und aussagekräftig steht er bei uns im Netz. Aber weil ihn außer ein paar versprengten Einrichtungen und der MÜNCHENSTIFT keiner will und sich auch der Freistaat Bayern nicht aus dem Fenster hängt, wird er nicht kommen. Am besten wäre es, wenn alle Träger eine so anständige Arbeit leisten würden, dass der alte Mensch in Würde und guter Versorgung sein Leben im Heim beschließen kann und die Politik das für ihre Bürger auch sicherstellt.

Sie haben jetzt eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, wie eine künftige soziale Pflegeversicherung aussehen könnte, aber aller Wahrscheinlichkeit nicht aussehen wird.