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In einem SZ-Gespräch diskutierten Experten, unter ihnen MÜNCHENSTIFT-Geschäftsführer Gerd Peter, über den besten Weg, die medizinische Versorgung in Altenheimen zu gewährleisten. Der SZ-Artikel im Wortlaut …

'Königsweg' Heimarzt

Nur wenige Häuser sichern medizinische Versorgung

Von Sven Loerzer

Das Thema ist altvertraut, auch die Teilnehmer sind bestens miteinander bekannt, denn die meisten von ihnen haben sich immer wieder getroffen, um dasselbe Problem zu diskutieren: Die medizinische Versorgung in den Pflegeheimen. 'Jetzt sind diejenigen, die das diskutiert haben, auch bald selbst betroffen', frotzelt MÜNCHENSTIFT-Chef Gerd Peter, der selbst schon zur Generation jener gehört, die sich gemeinhin Senioren nennen lassen müssen. Leider aber ist außerhalb von Expertenzirkeln immer noch viel zu wenigen Menschen klar, dass ein Pflegeheim 'nur dann gut ist, wenn es eine gute ärztliche Versorgung hat', wie Grünen-Fraktionschef Siegfried Benker zur Eröffnung eines Fachgesprächs im Gesundheitsreferat sagt.

Seit zwei Jahrzehnten läuft die Diskussion, wie sich die Versorgung von Pflegebedürftigen, die nicht mehr selbst einen Arzt aufsuchen können, verbessern lässt. Viele Ärzte sind nicht bereit, ins Heim zu kommen und wenn, dann oft nicht gleich, weil sonst der Betrieb in der Praxis stillsteht. Oft muss deshalb der Notdienst geholt werden, der aber die Patienten mit ihrer Krankengeschichte nicht kennt, weshalb es dann häufig zur Klinikeinweisung kommt. Unnötige Krankenhauseinweisungen, die mit hohen Kosten für Krankentransporte verbunden sind, schlechtes Arzneimittelmanagment in den Heimen, das die Kosten in die Höhe treibt, das diagnostizieren auch die Kostenträger: 'Die Situation ist verbesserungsfähig', sagt der Münchner AOK-Direktor Robert Schurer. Seine Krankenkasse hat sich das 'AOK-Pflegenetz' ausgedacht, bei dem sich jeweils ein fester Kreis von Ärzten um die schwerkranken alten Menschen in acht bis zwölf Pflegeheimen kümmert. In München habe die AOK aber nicht ausreichend kooperationsbereite Heime und Ärzte gefunden.

Jürgen Salzhuber, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, hat als einer der ersten einen Weg aufgezeigt, wie sich die Versorgung jener Menschen verbessern lässt, die nicht mehr selbst zum Arzt gehen können. Er hat in einem Heim einen Arzt fest angestellt und damit die Zahl der Krankenhauseinweisungen um gut ein Viertel reduzieren können. Dieser Arzt erspare den Kassen Kosten in Höhe von 250.000 Euro jährlich, weit mehr als drei Mal so viel, wie die Stelle kostet.

MÜNCHENSTIFT-Chef Peter hat eine andere Lösung gewählt und verfügt inzwischen über einen Geriatrischen Praxisverbund für seine Häuser, zum Vorteil aller: 'Jeder verhinderte Krankenhausaufenthalt ist ein wichtiger Erfolg für die Bewohner, aber auch für die Kasse.' Stefan Arend vom 'Kuratorium Wohnen im Alter' probiert verschiedene Wege aus - Behandlungsräume, Vermietung von Räumen für ein Medizinisches Versorgungszentrum und ein Ärzte-Netzwerk.

'Wir sehen Heime, wo die medizinische Versorgung sehr gut klappt, diese Inseln gibt es', bestätigte Wolfgang Hell vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Bayern, der im Auftrag der Kassen die Pflegequalität prüft. 'Es klappt überall dort ganz gut, wo es konkrete Absprachen gibt zwischen Heim, Haus- und Fachärzten.' Der Heimarzt sei dabei 'die Krone auf dem Ganzen'. Der 'Königsweg' zur besseren Versorgung, für den auch der Seniorenbeirat seit mehr als zehn Jahren kämpfe, so der Vorsitzende Klaus Bode, ist aber mit Hindernissen gepflastert. AOK-Direktor Schurer sieht die Träger in der Verantwortung, sich um eine Lösung zu bemühen. Peter reicht das nicht: Wenn Heimträger ihre Hausaufgaben nicht machten, müssten eben der Freistaat und der Bund dafür sorgen, dass dies geschehe.

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr. 91, Mittwoch, 21. April 2010, Seite 40