Die Münchener Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) will die Arbeit in Heimen neu aufstellen - und dafür die Arbeitshierarchie neu gliedern. Mit der MÜNCHENSTIFT GmbH zeigt ein großer Träger Interesse an einem Pilotprojekt mit studierten Pflegeprozessmanagern. Dass dabei womöglich die Fachkraftquote unterschritten würde, will die Heimaufsicht tolerieren.
In anderen Staaten ist es bereits Praxis: Es gibt verschiedene Qualifikationsstufen für unterschiedliche Tätigkeiten in der Pflege. Fachkräfte arbeiten ihrer Qualifikation entsprechend, ebenso Hilfskräfte. Hinzu kommen – auf einer weiteren Hierarchieebene – hochqualifizierte Pflegekräfte. Sie haben einen praxisorientierten Bachelorstudiengang absolviert, ziehen sich nicht auf administrative Aufgaben zurück, sondern arbeiten als Pflegeprozessmanager „am Bett“ und haben den Bewohner ganzheitlich im Blick.
In der theoretischen Diskussion sind Ansätze, Pflege neu zu hierarchisieren, hierzulande schon lange. „Wir brauchen eine Funktionsteilung“, sagt Brigitte Meier, Sozialreferentin der Stadt München. Sie will den Schritt in die Praxis wagen und sieht sich als bundesweite Vorreiterin.
Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels hätte das Münchener Modell einen interessanten Vorteil. Während an der Spitze der Pflegehierarchie verstärkt auf Professionalisierung gesetzt würde, könnten Hilfskräfte mit den zahlreichen einfacheren Aufgaben betraut werden. Eine Fachkraftquote von 50 Prozent wäre dann nicht mehr nötig.
Gerd Peter steht diesem Ansatz offen gegenüber. Als Geschäftsführer der MÜNCHENSTIFT GmbH, einer hundertprozentigen Tochter des Stadt München, ist er zuständig für rund 1 600 Mitarbeiter und rund 2 800 Bewohner. Der richtige Mann, die richtige Frau am richtigen Platz – dafür spreche viel, sagt Peter: „Wir würden gern im Einvernehmen mit zuständigen Behörden unter Beweis stellen, dass wir in Bereichen ohne 50 Prozent Fachkraftquote ein sogenanntes ‚Primary Nursing‘ umsetzen können – ohne qualitative Einbußen.“
Wie genau das neue Fachkräfte-Modell in der Praxis aussehen wird, ist noch unklar. Für Gerd Peter steht fest, dass es finanziell „innerhalb des Pflegesatzes“ bleiben muss. Denkbar sei, dass die neuen hochqualifizierten Mitarbeiter Pflegeprozesse für bis zu 50 Bewohner strukturieren. „Je mehr ich plane und zielgerichtet arbeite, desto weniger Kapazitätsverluste habe ich“, zeigt sich der Geschäftsführer überzeugt. Heute würden Pflegefachkräfte Tätigkeiten verrichten, für die sie im Grunde überqualifiziert seien. Hilfskräfte mit langjähriger Erfahrung dagegen könnten mehr Aufgaben übernehmen, als man ihnen heute übertrage. „Dieses zu steuern, wird die Kunst sein“, so Gerd Peter.
Fachleute im bayerischen Sozialministerium halten es durchaus für möglich, die Fachkraftquote zu unterschreiten – solange die Qualität gewährleistet ist. Da es zur Fachkraftquote in Bayern noch keine Landesverordnung gibt, gilt dort die Heimpersonalverordnung des Bundes. Sie sehe die Möglichkeit vor, von den Vorgaben abzuweichen, so Ministeriumssprecher Maximilian Griebl. Wenn eine niedrigere Fachkraftquote für eine fachgerechte Betreuung ausreichend sei, könne mit vorheriger Zustimmung der jeweiligen Heimaufsicht abgewichen werden.
In München will sich die Heimaufsicht nicht sperren. „Bei so einem Projekt wären wir gern dabei“, sagt Rüdiger Erling, einer von zwei Leitern der Behörde. Die Heimaufsicht wäre gern Mitglied in einem Projektbeirat. Bevor es grünes Licht für ein Unterschreiten der Fachkraftquote gebe, müssten die Vorbedingungen allerdings genau besprochen werden. Qualitätsprüfungen für die entsprechend veränderten Arbeitsstrukturen in den Wohnbereichen durchzuführen, sei für die Mitarbeiter der Heimaufsicht kein Problem, so Erling. Der Behördenleiter geht davon aus, dass es den Beteiligten wirklich darum geht, die Qualität in der Pflege zu verbessern und nicht nur darum, die Fachkraftquote zu unterlaufen.
Entsprechende Befürchtungen kann MÜNCHENSTIFT-Geschäftsführer Peter zerstreuen. Schon heute liege die MÜNCHENSTIFT mit einer Fachkraftquote von 55 Prozent über dem Soll. Und klar sei, dass höher qualifizierte Pflegeprozessmanager auch mehr Gehalt bekämen. Dazu brauche es ein ausgewogenes Tarifsystem: „Wer mehr Leistung bringt, hat auch mehr Bezahlung zu erwarten.“ Und auch Sozialreferentin Meier sagt: „Wir werden die Pflegekräfte entsprechend bezahlen müssen.“
Das für dieses Vorhaben notwendige hochqualifizierte Personal steht bereits in den Startlöchern. An der Katholischen Stiftungsfachhochschule läuft der ausbildungsintegrierte Bachelorstudiengang „Pflege Dual“ mit Schwerpunkt Altenhilfe. Er verknüpft eine Pflegeausbildung mit einem akademischen Studium. Ende November wollen die Lehrenden mit mehreren Trägern in München besprechen, wie die Absolventen am besten eingesetzt werden können.
Praktische Beispiele für das Münchener Modell finden sich im europäischen Ausland. Deshalb will Sozialreferentin Meier noch in diesem Jahr mit einer Delegation des Münchener Stadtrats in die Niederlande und nach Großbritannien fahren und sich über das System des „Primary Nursing“ informieren.
Quelle: CAREkonkret, Ausgabe 31/32, vom 5.8.2011
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