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MÜNCHENSTIFT-Onlinemagazin

Die letzte Wohnung

Letzte Wohnung
Eindrückliche Erfahrungen haben acht Teilnehmende von Malgruppen verschiedener MÜNCHENSTIFT-Häuser gemacht: Sie haben zusammen einen Sarg und eine Urne bemalt.
 
Sechs gut gelaunte Männer und Frauen im Alter von 70 bis 92 Jahren sitzen am sorgsam gedeckten Mittagstisch im Veranstaltungsraum des Hauses an der Rümannstraße. Über ein halbes Jahr ist es her, dass sie unter dem Motto „Die letzte Wohnung" gemeinsam einen Sarg und eine Urne bemalt haben. Heute wollen sie sich über ihre Erfahrungen austauschen. Das Treffen beginnt so, wie die drei intensiven Tage des Malens geendet haben: mit einem Gläschen Champagner.
Letzte Wohnung - Sarg
Roswitha Freitag, die sie durch den kreativen Prozess begleitet hat, begrüßt die Runde. Sie hat eine Mappe mit Fotos dabei, die während der Projekttage entstanden sind. „Als der städtische Bestattungsdienst letztes Jahr mit der Idee auf mich zukam, fand ich den Vorschlag zunächst makaber", erinnert sich die Künstlerin, die in mehreren Häusern der MÜNCHENSTIFT Malkurse anbietet und Ausstellungen kuratiert. „Dann dachte ich mir aber, dass die KursteilnehmerInnen selbst entscheiden sollen – und ich war überrascht über die positiven Reaktionen." Die kreative Aktion begann damit, dass alle gemeinsam dem Sarg rundum einen goldenen Anstrich verpassten: „Er hat wie ein riesiger Goldbarren geleuchtet", erinnern sich die Anwesenden lachend. Danach machten sich alle Gedanken zu ihren Motiven und Roswitha Freitag teilte die Sargflächen zum Bemalen auf. Eine lebendige Vielfalt kam zusammen: Magdalena Schmid hat ihre Fläche im Stil Hundertwassers gestaltet. Seine zwei ersten Porträts malte Jochen Wiefel auf eine der Stirnseiten des Sargs. Das Teufelsmoor als flaches Land des Nordens mit Bienen und Libellen hat der ehemalige Seemann Willy Lübben dargestellt. Gunther Zwicky zierte den Sarg mit verschiedenen Vögeln. Rosalinde Käser wagte sich an männliche Akte, Gertraud Pruskil an Hasen und Blumen, und Paul Kotzian gestaltete einen Vogel. Um die Urne herum ließ Gustav Lindner einen Kreis tanzender Figuren nach Malewitsch entstehen. Seine Frau, die heute dabei ist, erzählt schmunzelnd: „Ich war froh, als sie fertig war, denn mein Mann hat auch auf unserem Küchentisch an der Urne gearbeitet. Jetzt ist wieder Platz zum Essen." Zum Schluss halfen alle gemeinsam, noch Fehlendes zu Ende zu bringen. Der Sarg und die Urne sollten ja schließlich am Aktionstag der städtischen Betriebe „Da sein für München" auf dem Marienplatz ausgestellt werden.

Im Verlauf des Gesprächs wird klar, dass die Malaktion für alle etwas Besonderes war: „Die gemeinsamen Stunden waren schön, mal haben wir geredet oder Witze erzählt, mal konzentriert gearbeitet", blickt Rosalinde Käser zurück. „Und am Schluss stand nicht der Tod, sondern Lebendigkeit!" Humor stand auch Pate bei der Namensfindung für ihre Künstlergruppe: Ubu Uhu - Ubu unter Hundert. Die Freude am kreativen Miteinander, an dem, was am Ende des Projekts entstanden war, hat allen gutgetan. „Das kam von ganz innen heraus, so wie man es selten erlebt", erinnert sich Jochen Wiefel. Und Magdalena Schmid ergänzt: „Ich habe erst am Schluss richtig wahrgenommen, was alles zustande gekommen ist – ein wunderbares gemeinsames Erfolgserlebnis!“
Letzte Wohnung - Vogel
Der künstlerische Umgang mit der „letzten Wohnung" hat den Senioren eine unbefangenere Annäherung an das Thema Sterben erlaubt. „Beim Malen denkt man nicht an den Tod", erinnert sich die 92-Jährige Gertraud Pruskil. „Das Malen fokussiert die Gedanken im Kopf, wie ein Fadenkreuz beim Schießen", ergänzt Jochen Wiefel. „Ich empfinde es überhaupt nicht abwegig, einen Sarg oder eine Urne nach eigenen Wünschen zu gestalten", fügt Magdalena Schmid hinzu. „Es ist doch wunderbar, den Tod wie das Leben zu inszenieren." Gertraud Pruskil pflichtet ihr bei: „Ich hielt die Idee zunächst für einen Scherz. Aber der Tod gehört zum Leben und es hat so viel Spaß gemacht!" Die Aktion hat einiges in Bewegung gesetzt. „Wenn Menschen aus dem Haus zum Zuschauen kamen, entstanden oft intensive Gespräche", erzählt Magdalena Schmid. „Und nach dem Tod eines nur 45 Jahre alten Pflegers während der Zeit beschlossen wir: „Wenn jemand von uns jetzt sterben sollte, dann kommt er in den Sarg!'" Aber auch die Erkenntnis wuchs, dass das Ende des Lebens nicht nur tragisch zu sehen ist: „Es gibt Völker, die es als Fest angehen", erläutert Magdalena Schmid. Und Gertraud Pruskil ist der Meinung: „Auch bei uns sollte es beim Abgang vom Leben mehr Lockerheit geben.
 
Abschließend resümiert Roswitha Freitag: „Man kann mit dem Tod auch anders umgehen. Wichtig ist, das Leben so lange wie möglich zu genießen, deshalb haben wir den Abschluss mit Champagner gefeiert." Dies bekräftigt Rosalinde Käser, die die Ärzte schon einmal aufgegeben hatten. „Da hat mich die Wut gepackt und ich habe gekämpft! Jetzt lasse ich es mir gut gehen." Auch Gertraud Pruskil musste nach mehreren Operationen erst wieder Freude am Leben finden: „Ich habe zu Malen begonnen und mit dem Dichten." Gesagt, getan, zieht sie ein Dankesgedicht für Roswitha Freitag hervor und trägt es unter Applaus vor.
Fotos: Liane Riss