Menschen

MÜNCHENSTIFT-Onlinemagazin

Kraftquelle Spiritualität

Dem eigenen Leben einen Sinn zu geben und sich in einem größeren Ganzen geborgen zu fühlen, ist für alle Menschen existenziell - ob gläubig oder nicht. Bei der MÜNCHENSTIFT werden demenziell Erkrankte darin bestärkt, ihre eigenen Kraftquellen zu erschließen und Sinn zu erfahren.
Kraftquelle Spiritualität
Die Biografien der einzelnen Bewohnerinnen bieten wich­tige Anhaltspunkte dafür, worin diese von Kindheit an verortet sind. Doch schreitet eine Demenz voran, stoßen Helferinnen an eine Grenze: Das, was einen Menschen zutiefst geprägt hat und ihm Energie und Sinn gibt, ist nicht mehr direkt er­schließbar. „Im Fall einer Demenz ver­siegt die verbale Kommunikation im­mer mehr. Dann ist mehr achtsame Wahrnehmung gefragt, um heraus­zufinden, was der Mensch für sich braucht, sei es im Alltag oder in seinen letzten Lebensstunden", weiß Ute Becker, Fachreferentin für Mobilität und Palliative Care. Das können ver­traute Rituale aus der Kindheit sein oder auch Formen, die den Körper und seine Sinne ansprechen, wie etwa eine Umarmung oder Lieder.
Kraftquelle Spiritualität
Dem Leben Sinn geben
Jeanette Frank, Betreuungsassis­tentin im Hans-Sieber-Haus, besucht Anna Lukschanderl oft in ihrem Zim­mer. Die Bewohnerin mit beginnender Demenz wuchs auf dem Land auf. Da der Vater früh verstarb, zog die Mutter die Kinder alleine auf. Mitarbeit in der Landwirtschaft gehörte schon für die kleine Anna zum Alltag, sie musste mit den Kühen auf die Weide. Der christli­che Glaube ebenso: „Beten war das Wichtigste, der Herrgott, den wir um Hilfe baten, Teil unseres Lebens", erin­nert sich die 92-Jährige. Jeanette Frank setzt sich bei ihren abendlichen Besu­chen oft mit ihr auf das Sofa und liest eine Geschichte aus der Bibel vor. Manchmal bringt sie auch ein altes Ge­sangbuch oder eine Engelsfigur mit, die sie zusammen anschauen. „Oft er­klärt mir Frau Lukschanderl dann den Sinn des Gegenstands oder erzählt aus ihrem Leben. Ich bin konfessionslos aufgewachsen und lerne auf diese Weise viel von ihr. Das gibt ihr Selbst­bestätigung, denn sie kann mir auch etwas geben." Anna Lukschanderl sucht auch körperliche Nähe, weil ihr das „so gut tut", erzählt die Betreuungsassisten­tin: „Neben dem Rosenkranz, den ver­trauten Bibelgeschichten oder Liedern ist es ihr sehr wichtig, an der Hand an­gefasst und umarmt zu werden."
Bei BewohnerInnen mit fortgeschrittener Demenz singt Jeanette Frank meist Abend- und Schlaflieder, die diese mit­singen können: „Danach sprechen wir gemeinsam ein Nachtgebet. Das wird immer als sehr beruhigend, weil ver­traut, empfunden." Auch wenn vieles im Umbruch ist, eines bleibt, weiß Fachreferentin Ute Becker: „Die älteren BewohnerInnen ab 65 sind die letzte Generation, die stark kirchlich-christlich geprägt ist. Doch auch die darauffolgenden Generatio­nen suchen nach etwas Größerem, nach Sinn und Geborgenheit." Durch regelmäßige Fortbildungen zum The­ma „Spiritualität im Alter", die der Theologe Wolfgang Neuser in verschie­denen Häusern durchführt, unter­stützt die MÜNCHENSTIFT ihre Pfle­ge-, Präsenz- und Betreuungskräfte mit konkretem Wissen und Anregungen, wie sie spirituelle Prägungen als Res­sourcen für sich und ihren Arbeitsall­tag nutzen können. Das ist zunächst unabhängig von einer bestimmten Re­ligion. „Spiritualität meint das, zu dem der Mensch in Beziehung steht, was seine Kraftquelle ist, was ihm Sinn gibt, was ihn lebendig erhält wie Atmen", erklärt Seelsorger Christian Fleck, Pastoralreferent der Erzdiözese München und Freising.
Kraftquelle Spiritualität 3
Spiritualität und Demenz
Die Präsenzkraft Ulrike Domenika Bolls ist während einer Fortbildung der Frage nachgegangen, wie speziell Demenzerkrankte erreicht werden können. Sie arbeitet im offenen gerontopsychiatrischen Wohnbereich im Haus St. Martin ausschließlich mit hochgradig dementen BewohnerIn­nen. „Gerade für diejenigen, die viel Schweres erlebt haben, hat Spiritua­lität eine stärkende Rolle. Dabei ist es wichtig, etwas anzubieten, das ihre jetzigen Fähigkeiten berücksichtigt", weiß Ulrike Domenika Bolls aus eige­ner Erfahrung. Nicht nur bekannte Kirchenlieder und Bibelgeschichten oder die Einbezie­hung der Wochen- und Jahresabläufe sind hilfreich. Es ist vor allem das indirekte Aufgreifen von Sinnfragen, bei dem den BewohnerInnen vermit­telt wird, dass sie wertgeschätzt und gebraucht werden. „Das kann die Bitte zum Abtrocknen eines Glases sein, das Einholen eines Ratschlags oder das Bedanken für die Begleitung beim Spa­ziergang", beschreibt sie ihr Vorge­hen. Und wenn bei fortgeschrittener Krankheit Beten oder der Besuch des Gottesdienstes nicht mehr möglich sind, zeigen ihnen Berührungen, dass andere da sind: „Das tröstet sie, ver­mittelt Sicherheit und Entspannung."
 
Wohnbereichsleiter Norbert Kopietz im Hans-Sieber-Haus unter­stützt sein Team dabei, die Erkennt­nisse aus den Fortbildungen umzu­setzen. „Bei Fallbesprechungen oder bei Übergaben reflektieren wir über Handlungsmöglichkeiten. Ich helfe aber auch ganz praktisch, etwa indem ich einem Mitarbeiter das ,Vaterunser' aufschreibe und Anregungen für kleine Rituale für einen christlich gepräg­ten Bewohner mitgebe, der abends un­ruhig ist", erzählt er. Gerade kleine Dinge sind für Demenzkranke oft sinnstiftend. Sie können auch gut in den Alltag eingebaut und mit anderen Tätigkeiten verknüpft werden: So wird Körperpflege zur Nebensache, wenn dazu eine bekannte Melodie gesummt wird. Oder ein Bewohner fühlt sich gebraucht, wenn er beim Geschirr­spülen hilft. „Dadurch fühlen sich BewohnerInnen wahrgenommen, und das weckt positive Gefühle - BewohnerInnen und Mitarbeitende ziehen Gewinn daraus", beschreibt Norbert Kopietz das Ergebnis.
 
Ob gemeinsames Gebet, Gottes­dienst, Gespräch oder Handhalten -auch Seelsorger Christian Fleck hat die Erfahrung gemacht, dass es gerade bei Demenzkranken wichtig ist, indi­viduell auf sie einzugehen: „Ich beob­achte, dass viele im Gottesdienst Sicherheit und Vertrautheit erfahren. Ich stelle ihnen diesen Rahmen zur Verfügung und alle können jederzeit dazukommen oder gehen, können das mitnehmen, das ihnen etwas gibt." In der Praxis bedeutet dies für ihn, he­rauszuhören, was jeweils gerade wich­tig ist. Denn gerade wenn Menschen mit Verlust und Krankheit zu tun haben, greifen sie auf das zurück, was sie schon früher stabilisiert hat, und auf Neues, das ihnen jetzt Halt gibt, weiß der Seelsorger: „Wir gehen gemeinsam auf die Suche, was das gera­de sein kann. Und das kann von Tag zu Tag etwas Anderes sein."
Fotos: Daniel Simon