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MÜNCHENSTIFT-Onlinemagazin

Kriegskinder

Krieg und Nationalsozialismus haben tiefe Spuren bei den damals Lebenden hinterlassen und selbst noch ihre Kinder und Enkelkinder geprägt. Meist wurde in den Familien nicht darüber gesprochen. Doch rechtzeitig darüber zu reden, ist vor allem wichtig, wenn beim Älterwerden Erlebtes wieder aufbricht. Über die Kraft des Erinnerns sprachen wir mit Betroffenen.
Siebzig Jahre ist es nun her, dass der zweite Weltkrieg und das Regime des Nationalsozialismus mit dem Sieg der Alliierten endeten. Das Bedürfnis zu Erinnern und sich Klarheit über das Geschehene zu verschaffen, wächst gerade unter den Kindern und Enkelkindern derer, die die Schrecken der Vernichtungslager, von Krieg und Flucht erlebten. Denn die traumatischen emotionalen Erfahrungen ihrer Eltern wirken bis heute in ihnen und in ihren Familien nach. „Transgenerationelle Traumatisierung" nennen Experten diese unbewusste Weitergabe unbewältigter Erfahrungen an die nächsten Generationen. „Mindestens fünf Millionen ältere, aufgrund historischer Ereignisse traumatisierte Menschen leben in unserer Mitte", beschreibt die Psycho-Gerontologin Sabine Tschainer die Situation. Im Zuge des Älterwerdens brechen oft alte unbewältigte Erinnerungen auf, vor allem auch bei demenziell Erkrankten. Denn mit zunehmender Krankheit lassen die kognitiven Fähigkeiten nach, mit starken emotionalen Erlebnissen umgehen zu können. Alltägliche Dinge, die an unbewältigte Erfahrungen erinnern, lösen dann heftige, für andere unverständliche Reaktionen aus. Pflegekräfte, die zu den Themen Trauma und Alter sowie Demenz geschult sind, brauchen dann biografische Informationen, die ihnen Angehörige vermitteln können. Wie wichtig das Erinnern und Bewältigen nicht nur für die Betroffenen sondern auch für ihre Nachkommen ist, zeigen die Gespräche mit Menschen, die die damalige Zeit als Kinder und Jugendliche erlebten.
Kriegskinder 1
Erinnern und erzählen
Klaus Weidemeier war gerade elf Jahre alt, als ihm sein Vater eine Liste mit Adressen von Verwandten und Freunden gab. Es waren Anlaufstellen für den Fall, dass sie aus Lodz flüchten müssten. Das letzte Kriegsjahr verbrachte er in einem Lager der Kinderlandverschickung. Am 18. Januar 1945 wurde er mitten in der Nacht geweckt und musste zusammen mit anderen Kindern zu Fuß durch den Wald zum Bahnhof laufen. Von dort aus versuchte er auf eigene Faust zu der Adresse in einem nahegelegenen Dorf zu gelangen, die auf der Liste stand. Doch er fand es verlassen vor und auch die Kinder waren weg, als er zum Bahnhof zurückkam. „Ich habe mich hingesetzt und geheult!", erinnert sich der 81-Jährige, während sein Sohn Peter ihm aufmerksam zuhört. Alleine und verzweifelt versuchte er Wege zu weiteren Anlaufstellen auf der Liste zu finden, doch nirgends hatte er Glück. Bei einem Geschäftsfreund des Vaters im damaligen Sudetenland fand er endlich Aufnahme. Doch erst an seinem zwölften Geburtstag hörte er wieder von seinen Eltern: Ein Telegramm des Vaters und eines der Mutter waren eingetroffen, die sich gegenseitig und die Kinder suchten. Schon bald fanden alle wieder zusammen. Nach dem Kriegsgefangenenlager und weiteren Stationen in Brandenburg und Thüringen, ließ sich die Familie nach drei Jahren schließlich in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen nieder. „Ich weiß nicht, wie es meinen Eltern damals ging, es wurde nicht darüber gesprochen", überlegt Klaus Weidemeier. Er selbst merkte später immer wieder, wie ihn der damalige Verlust, die Unsicherheit und vor allem der Hunger in den Nachkriegsjahren in Alltagsdingen prägten: „Verschwendung, nicht nur beim Essen, kann ich bis heute nicht ertragen." Sein Sohn Peter, der selbst sechs Kinder hat, erinnert sich noch gut daran, wie er und seine Schwester als Kinder streng dazu angehalten wurden, nichts zu verschwenden. Mit ihnen hat Klaus Weidemann nicht über seine Erlebnisse gesprochen. „Mein Vater hat noch nie so ausführlich darüber erzählt, das Thema wurde nicht angesprochen", meint der 60-Jährige berührt. Dabei hätte sein Vater gerne ein Buch über das Erlebte geschrieben und auch Kindern in der Schule darüber erzählt. Seine Einstellung der Gegenwart gegenüber ist vom Erlebten geprägt: „Mein Blick auf heutige Verhältnisse ist anders als der vieler Jüngerer, die den Krieg nicht kennen: Wenn ich von der IS oder den Kriegen in Afrika höre, lenke ich mich nicht ab. Es nimmt mich mit und ich nehme es sehr ernst."
Kriegskinder 2
Darüber reden und verarbeiten
Als er mit seiner Familie versuchte vom Ostsudentenland in Richtung Westen zu fliehen, war Hans Quitt acht Jahre alt. Tiefflieger, brennende Pferde, exekutierte Soldaten, Felder voller Toter und Menschen, die sich die Pulsadern aufschnitten - die traumatischen Bilder dieser Wochen haben sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Ebenso der Aufenthalt in einem kleinen Dorf in den Karpaten, in das er mit seiner Mutter anschließend verschleppt wurde: „Wir wurden fast wie Sklaven gehalten, zusammen mit Hühnern in einem kleinen Raum mit einem Bett, fast ohne Essen und mit viel Prügel", erinnert sich der 78-Jährige. 1946, im Zuge der Aussiedlung der Deutschen, kamen sie dann nach Bruchsal. „Meine Mutter konnte mir damals nicht helfen, sie war selbst verzweifelt, sodass ich sie mit den Worten ,Was weinst du denn? Hier ist es doch schön' zu trösten versuchte." Auch sein Vater konnte ihm keinen Halt geben. Schon früh hatte er als Bahnstreckenarbeiter mitbekommen, dass Juden nach Auschwitz transportiert wurden und versucht, über den BBC-Sender mehr zu erfahren. „Dafür wäre er fast ins Gefängnis gekommen, wenn nicht mein elf Jahre älterer Bruder bei der Hitlerjugend gewesen wäre. Mit sechzehn wollte er das Vaterland retten, aber nach dem Krieg war er davon geheilt!" Der Vater kam nach Krieg und Gefangenenlager gebrochen zurück und erholte sich nicht wieder. „Es wurde nie darüber geredet. Nur meine Mutter erzählte immer wieder amüsiert, wie ich sie zu trösten versuchte." Hans Quitt verfolgten die Erlebnisse noch lange in Alpträumen und Angstattacken. Auch oft überzogene Wutattacken gegenüber Ungerechtigkeiten entwickelte er damals. „Irgendwann hörte es dann auf, dass mir die Erhängten im Traum erschienen." Die Schulzeit in den 1950er Jahren, in der er sich voll ins Lernen stürzte, blieb ihm als sehr schöne Zeit in Erinnerung. Sein Bruder war schon früh zu einer Art Ersatzvater geworden, mit dem er über das Erlebte reden konnte. Später arbeitete er auch vieles in einer Therapie auf. „Da erfuhr ich, dass ich wohl über das verfüge, was man heute Resilienz nennt. Es hat mich befähigt, das Erlebte zu bewältigen." Geblieben ist ein starkes Durchsetzungsvermögen. „Das habe ich in den schweren Zeiten eingeübt, wenn ich meine Mutter dem karpatischen Bauern gegenüber voller Zorn verteidigte. Im Jahr 1989 besuchte ich das Dorf noch einmal, der Bauer war inzwischen dement. Ich musste einfach nochmals hin, um das Erlebte endlich für mich abschließen zu können."
 
Klarheit schaffen und abschließen
Erika Schwarz hat an die Flucht aus Rumänien kurz vor Ende des Krieges keine bewusste Erinnerung. Sie war nur drei Jahre alt, als ihre Mutter mit ihr und der ein Jahr jüngeren Schwester Hals über Kopf das Dorf verließ, in dem sie untergekommen waren. „Es war in der Familie ein Tabuthema, es wurde nur sehr oberflächlich über das geredet, was in der damaligen Zeit alles passiert ist", erinnert sich die 73-Jährige. „Aber ich hatte immer das Gefühl, etwas Gefährliches mitzuschleppen, das geschützt werden muss." Erst im Ruhestand wurde ihr klar, wie traumatisch das Erlebte für sie, ihre Schwester und die Mutter gewesen sein musste, als in einem Kurs für kreativen Ausdruck in ihren Bildern düstere Fluchtmotive auftauchten: „Meine Mutter hat wohl versucht uns Kinder zu beruhigen und sang und spielte mit uns. Doch wir müssen ihre Panik und innere Erstarrung gespürt haben, obwohl sie versuchte, Normalität vorzuspielen." Im Nachhinein versteht sie nun auch, warum sie möglicherweise in Depressionen versank, als ihre eigenen Kinder geboren wurden: „Das muss meine Fluchterinnerungen an die Mutter mit den kleinen schutzlosen Kindern aktiviert haben." Erst nach dem Tod ihrer Eltern wurde ihr klar, dass sie sich nie getraut hatte, sie nach der Vergangenheit zu fragen. Sie begann sich intensiv mit den damaligen politischen Verhältnissen in Rumänien auseinanderzusetzen und der eigenen Familiengeschichte. Dazu gehört der Konflikt zwischen dem Großvater, der Pfarrer war und der nationalsozialistischen Ideologie gegenüber äußerst kritisch, und ihrem Vater, den sie als einen Mitläufer bezeichnet. „Ich möchte meine Vorfahren verstehen und frage mich auch, wie ich mich selbst in so einer Zeit verhalten hätte", erklärt Erika Schwarz ihre Motivation. Seit sie Enkel hat, ist ihr noch etwas sehr wichtig geworden: „Ich möchte die Kette der unbewussten Weitergabe von nicht bewältigten Erlebnissen durchbrechen. Und ich möchte den Rucksack, den ich durchs das Leben getragen habe, auspacken und schauen, was auch Positives darin ist, wie meine Fähigkeit durchzuhalten und mich von allem Unbrauchbaren zu trennen."
Fotos: Maren Willkomm