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MÜNCHENSTIFT-Onlinemagazin

Unter die Lupe genommen

Fünf Wochen nahm die Ethno­login Johanna Koch am Alltag der BewohnerInnen eines Wohn­bereichs im Hans-Sieber-Haus teil. Für ihre Masterarbeit unter­sucht sie, wie diese die unter­schiedlichen Räume des Hauses sowie das Alter(n) wahrnehmen.
 
Ethnologin
Wie gingen Sie bei Ihrer Untersuchung vor?
In der ersten Woche wohnte ich direkt im Haus, das brachte mich sehr schnell den Menschen und dem Geschehen nahe. Während der fünf Wochen nahm ich am Tagesgeschehen teil und führte ein Feldtagebuch, in das ich meine vielfältigen Beob­achtungen eintrug. Hinzu kamen Interviews. Jetzt werte ich ge­rade meine Beobachtungen aus, und bis zum Sommer ist meine Masterarbeit fertig.
 
Wie erging es Ihnen dabei?
Am Anfang war es eine große Umstellung. Als erstes beschäf­tigte ich mich mit den Mahl­zeiten, die den Alltag strukturie­ren. Ich lauschte den verschie­denen Geräuschen, schmeckte das Essen und nahm die Gerüche wahr. Dann beobach­tete und protokollierte ich, was sich an weiteren Orten des Hauses tut. Dabei trainierte ich meine Sitzmuskulatur! Ich saß gemeinsam mit den Bewoh­nerInnen auf den Stühlen in der Wohnbereichsküche oder auf der Bank draußen vor dem Haus und wartete. Das löste in mir anfangs eine innere Unruhe aus. Nach und nach lernte ich dann die verschiedenen Akti­vitäten im Haus und die Vielfalt der BewohnerInnen kennen.
 
Was ist Ihnen besonders aufgefallen?
Ich stellte fest, dass eine stär­kere Alltagskommunikation statt­findet als in der sonst eher distanzierten Atmosphäre der Großstadt. Man kennt die meisten und redet miteinander, fast wie in einem „kleinen Dorf'. Gerade die Wohnbereichsküchen sind Zentren des Lebens. Hier trifft man sich, es wird gespeist und diskutiert. Ins­gesamt berühren sich die Menschen auch mehr, angefan­gen von zartem Handstreicheln bis hin zu Umarmungen. Und dann gibt es im Haus die gemeinsamen Feste, den Friseur oder das Cafe.
 
Wie hat Sie die Erfahrung beeinflusst?
Die Begegnung mit den ver­schiedenen Menschen hat mich zum Nachdenken darüber angeregt, wie ich selber später altern will. Auch darüber, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen, die so viel Lebens­erfahrung gesammelt haben und jetzt unsere Hilfe brauchen. Meine Forschung hat mir auch gezeigt, wie Menschen ihr Alter(n) meistern, welche Hal­tungen es zu dem Thema gibt und wie unterschiedlich man diese Lebensphase wahrnehmen kann. Für mich bedeutet Alter(n) Vielfalt, und diese möchte ich weiter unterstützen. So lese ich seit Anfang des Jahres als Ehrenamtliche Geschichten aus aller Welt im Haus vor.