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MÜNCHENSTIFT-Onlinemagazin

20 Jahre MÜNCHENSTIFT

Die Aufsichtsratsvorsitzende und Bürgermeisterin Christine Strobl und der Geschäftsführer Siegfried Benker im Gespräch über 20 Jahre MÜNCHENSTIFT.
Interview Benker & Strobel
Welche Veränderungen in der Altenpflege waren in den vergangenen 20 Jahren für die Entwicklung der MÜNCHENSTIFT entscheidend?
Strobl: Ein Thema, das die MÜNCHEN­STIFT seit ihrer Gründung beschäftigt, ist die Personalpolitik. Geändert hat sich im Laufe der Jahre die Architektur von Altenheimen, aber auch die Hal­tung gegenüber den BewohnerInnen. Hinzu kamen viele gesetzliche Neue­rungen, die umgesetzt werden mussten. Derzeit ist es u.a. die Umstellung auf mehr Einzelzimmer.
Benker: Bei Neubauten erfüllen wir be­reits die vorgeschriebenen 75 Prozent Einzelzimmer, bei den Altbauten er­höhen wir in den nächsten Jahren die Rate. Alle Häuser wurden saniert, drei neu gebaut. Parallel dazu gab es mit dem Übergang von Pflegestationen zu Wohnbereichen einen Paradigmen­wechsel zum Lebensweltkonzept, das sich daran ausrichtet, dass Bewohner­Innen möglichst wie zu Hause leben.
 
Vor welchen Herausforderungen steht die MÜNCHENSTIFT heute?
Strobl: Drei Häuser müssen noch sa­niert oder neu gebaut werden, das ist eine große finanzielle Herausforde­rung. Ein weiteres Thema ist das Pfle­gestärkungsgesetz. Dadurch verschiebt sich die Pflege noch mehr von der sta­tionären hin zur ambulanten, mit der Folge, dass die Menschen noch später ins Pflegeheim kommen als bisher.
Benker: Schon heute sind viele Neuzu­gänge im palliativen Status und blei­ben nur kurz, und dieser Trend wird sich verstärken. Darauf müssen wir uns einstellen und beispielsweise un­ser Lebensweltmodell, dessen drei Welten verschiedene Demenzstadien abbilden, ganz neu denken. Auch bauen wir in jedem Haus eine Palliativ-und Hospizkultur auf. Wir schulen das Personal und haben Kooperations­verträge mit den Hospizvereinen ge­schlossen.
 
Was tut die MÜNCHENSTIFT, um gut ausgebildete Fachkräfte zu bekommen und zu halten?
Strobl: Solange es keinen gesellschaftli­chen Konsens über eine bessere Bezah­lung ihrer Leistung gibt, müssen wir uns vor allem mit Maßnahmen zur Mitarbeiter­bindung behelfen. Dazu gehören die Verbesserung des Arbeitsklimas oder Benefits wie das Jobticket und ein Ein­kaufsportal. Unsere Mitarbeitenden sollen merken, dass ihre Arbeit von uns geschätzt wird.
Benker: Wir sind der größte kommuna­le Ausbilder in Deutschland und haben derzeit circa 250 Auszubildende. Dank eines eigenen Tarifvertrags, den wir mit der Gewerkschaft ver.di abgeschlossen haben, gibt es seit Januar 2017 ein Einstiegsgehalt von 3000 Euro. Das macht die MÜNCHENSTIFT zum Vorreiter in der Pflegebranche.
 
Welche Herausforderungen gibt es darüber hinaus in der Personalpolitik?
Strobl: Inzwischen haben 60 Prozent der Mitarbeitenden einen Migrations­hintergrund. Das Zusammentreffen sehr unterschiedlicher Kulturen kann zu Problemen führen. Zudem verste­hen sich alteingesessene Münchner BewohnerInnen und Mitarbeitende aus 70 Ländern nicht immer automatisch.
Benker: Wir haben in einem Haus die interkulturellen Konflikte analysiert und überlegen, was wir tun müssen, da­mit die Mitarbeitenden unsere Stan­dards annehmen. So bieten wir z.B. his­torische Schulungen für Mitarbeitende an, damit ein 20-jähriger Bosnier die Lebenswelt eines 85-jährigen Münchners besser verstehen kann. Bei unseren BewohnerInnen bildet sich die mul­tikulturelle Stadtgesellschaft dagegen noch nicht ab. Obwohl 36 Prozent der Münchner Bevölkerung Migrations­hintergrund haben, sind es in unseren Häusern nur 15 Prozent der Bewohner­Innen.
Strobl: In Familien mit Migrationshin­tergrund wird die Pflege meist noch von Angehörigen geleistet. Sie haben zudem den Eindruck, unsere Häuser seien nur für Deutsche. Deshalb haben wir Kontakt zu Migranten-Selbsthilfe­-Organisationen aufgenommen. Zwei Häuser gestalten wir in Absprache mit ihnen gerade um, und jetzt kommen die ersten InteressentInnen.
 
Welche persönlichen Verbindungen hatten Sie über die die Jahre hinweg zur MÜNCHENSTIFT?
Benker: Im Stadtrat beschlossen wir beide 1995 die Gründung der MÜN­CHENSTIFT mit. Dann war ich 17 Jahre im Aufsichtsrat und bin jetzt Ge­schäftsführer der MÜNCHENSTIFT. Meine Mutter lebte im beschützenden Bereich im der Hans-Sieber-Haus. Das war für mich als persönlicher Zugang wichtig, denn ich war oft dort und sah, wie gearbeitet wird.
Strobl: Meine Mutter lebt noch zu Hau­se, aber ich begleite die MÜNCHEN­STIFT schon lange im Aufsichtsrat. München lag genau richtig mit der Grundsatzentscheidung, die Häuser bei einer 100-prozentigen Tochterge­sellschaft im Eigentum der Stadt zu be­lassen. Andere Städte gingen andere Wege, aber wir halten am Versorgungs­anspruch für alle MünchnerInnen fest.
 
Welcher Auftrag ergibt sich daraus an das Unternehmen?
Benker: Mit unseren Heimen tragen wir, wie die Krankenhäuser, dazu bei, die Grundversorgung abzudecken. Fast jeder dritte Münchner, der stationär gepflegt wird, ist in einem unserer Häuser. Die Menschen bringen uns viel Vertrauen entgegen, das zeigt die hohe Belegungsquote. Zudem stehen wir durch das Rathaus im Hintergrund stärker als andere Träger unter öffent­licher Kontrolle.
Strobl: Der Aufsichtsrat hat die Kon­trollfunktion inne, legt aber auch un­sere Ziele fest: Wir sind ein Flaggschiff in der Pflege, das gut funktionieren und moderne Konzepte entwickeln soll, damit andere nachziehen können.
Foto: Barbara Donaubauer