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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Die Kunst des hohen Alters

Hohes Alter 300_200
Viele Menschen fragen sich, was sie vom Leben derjenigen lernen können, die ein hohes Alter erreichen. Die erstaun­lichste Erkenntnis aus Untersuchun­gen über das Leben der sogenannten Hochaltrigen, also Menschen ab etwa 85: Umso älter und oft auch pflege­bedürftiger sie sind, umso mehr Wohl­befinden empfinden viele. Sie schei­nen dem Leben nicht nur mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben. Was ist ihr Geheimnis? Wir ha­ben uns auf die Suche gemacht und im Jahr 2014 in der MÜNCHENSTIFT Menschen ge­troffen, die trotz Schicksalsschlägen und körperlicher Herausforderungen bis ins hohe Alter diese Lebensweis­heit und Lebenszufriedenheit ent­wickelt haben.
 
Verluste und Gewinne
Ursula Winterberg sitzt oft an ihrem Tisch mit Blick ins Grüne und denkt an vergangene Tage – an die Höhen und Tiefen, die sie über fast ein Jahr­hundert durchlebt hat: „Ich habe eine Menge erlebt. Von den vielen schönen Erinnerungen zehre ich bis heute." Doch wie viele Menschen ihrer Gene­ration hat sie auch Schlimmes durch­gemacht: „Ich bin elternlos aufge­wachsen, wurde im Krieg ausgebombt und bin aus dem Osten geflohen. Da­her hänge ich an nichts. Außerdem war ich Haupternährerin der Familie und musste trotz meiner zwei Kinder ein Leben lang arbeiten." Besonders gerne erinnert sie sich jedoch an die vielen Reisen zusammen mit ihrem Mann: „Wir hatten vereinbart, dass wir nicht für ein Auto sparen, sondern lieber oft verreisen. Das erste Mal ging es 1963 in die Steiermark, und später unternahmen wir viele Fernreisen." Doch dann starb ihr Mann mit 60 an Krebs, nachdem sie ihn bis zuletzt ge­pflegt hatte. Damals war Ursula Win­terberg gerade 58 Jahre alt, und für sie stürzte eine Welt ein: „Sein Tod war ein Schock für mich. Wir haben so gut zusammengefunden, mir war klar, dass so etwas nicht wieder kommt."
Auf Reisen und zum Wandern ging sie in den folgenden Jahren mit einer Freundin. Sie ließ sich auch von meh­reren Unfällen nicht davon abhalten, viel unterwegs zu sein und weiter Gymnastik und Yoga zu machen. Inzwischen sind fast alle ihre Freunde verstorben, und sie muss mit großen gesundheitlichen Einbußen zurechtkommen: „Ich bin wie ein Oldtimer: Mit vielen Ersatzteilen. Den Flug­schein habe ich aber inzwischen abge­geben", erzählt sie lachend in Anspie­lung auf die Reihe von Stürzen, in deren Folge sie zwei künstliche Hüf­ten und eine Oberarmprothese erhielt.
 
Den Blick nach vorne richten
Ursula Winterberg lebt seit 15 Jahren alleine in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Margarethe-von-Siemens-Haus der MÜNCHENSTIFT in Großhadern. Seit ihrem letzten Sturz kann sie nur noch kurze Wege mit dem Rollator gehen und den linken Arm nicht mehr ein­setzen. Auch eine einseitige Makularerblindung schränkt sie ein. Der Pflegedienst kommt jetzt täglich, hilft ihr beim Anziehen und richtet das Frühstück her. Das war ein großer Einschnitt, erzählt Ursula Winterberg: „Für mich ist es das Schlimmste, was mir passieren konnte, denn ich war ein Leben lang selbstständig und aktiv, habe liebend gerne Sport getrieben. Ich habe erst einmal sehr mit der Situation gehadert."
Doch sie fand die Stärke, das Un­abänderliche zu akzeptieren und trotz allem gerne und mit Freude zu leben: „Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht mehr reisen kann und nicht mehr so beweglich bin. Das habe ich übrigens schon als Kind gekonnt: Nicht Vergangenem nachzutrauern, sondern vorwärts zu schauen. Und mit aller Kraft versuchen, schwierige Situationen zu überwinden. Vielleicht bin ich deshalb auch sehr ausgegli­chen. Und da sind ja noch meine Erin­nerungen! Ich kann alles, was ich er­lebt habe wie einen Film vor meinen inneren Augen ablaufen lassen."
Aufgeben ist nicht Sache der 93-­Jährigen. Nach dem Sturz begann sie mit Hilfe einer Therapeutin und vielen Übungen wieder zu laufen, und kann auch einige Treppen steigen. Ihre Gymnastikübungen macht sie weiter­hin regelmäßig: „Ich fange schon im Bett damit an, selbst im Rollstuhl geht es. Man darf einfach nicht aufgeben. Ich habe hier zwar einen Fahrstuhl, aber ich bitte immer wieder jemanden im Haus, mit mir die Stufen zu üben. Denn wenn es mal brennt, muss ich es ja selbst können!" Ihr Durchhaltever­mögen hat Ursula Winterberg in ihrem Leben in mancher schwierigen Situation geholfen. Doch es braucht auch eine ordentliche Portion Humor, erzählt sie lachend: „Vor kurzem hat wieder ein Nachbar gesagt: Sie sind immer so lustig! Für mich ist das be­freiend, in einer schwierigen Situation zu lachen – auch damals, inmitten des Krieges, war das schon so."
Ursula Winterberg schaut sich nach­denklich in ihrer gemütlichen kleinen Wohnung um, die voller Erinnerungs­stücke an ihre zahlreichen Reisen, an ihre Freunde und an ihre Familie ist. Es ist recht ruhig geworden für die einst in Berufs- und Familienleben rundum Beschäftigte: „Heute kommt selten jemand, außer dem Pflegedienst und der Putzfrau, denn von den Freunden lebt kaum noch jemand. Aber meine Kinder sind einmal in der Woche hier und helfen auch bei größeren Erledigungen. Und manchmal nehmen sie mich mit auf einen kleinen Ausflug."
Deshalb ist Ursula Winterberg um die Hausgemeinschaft froh, auch wenn alle für sich leben. Mit zwei Nachbarinnen spielt sie regelmäßig Rummikub. Inzwischen nur noch alle 14 Tage, weil eine von ihnen seit kurz­em in einem Pflegeheim lebt und der Weg zueinander weiter geworden ist. Und statt des früheren Gartens hat sie Freude an den Blumen auf ihrer Fens­terbank und dem Blick ins Grüne: „Ich kann mich so über kleine Sachen freu­en! Von hier aus sieht man z. B. die Kätzchen der Erle, die ersten Blättchen im Frühjahr, dann die Blüten... Und ich frage mich dann jedes Jahr erneut: Ob du das alles im nächsten Jahr wohl wieder siehst?"
 
Was noch kommt
Dieser Gedanke lässt Ursula Winter­berg jeden einzelnen Tag bewusst ge­nießen. Sie hat auch das Gefühl, ihre bisherige Lebenszeit in vollen Zügen gelebt zu haben: „Ich hatte ein schönes und erfülltes Leben, es hat sich für mich gelohnt. Meine Ehe war gut und die Kinder sind gut geraten. Ich liebe das Leben. Ich habe es nicht leicht genommen und wenn es schwer war, habe ich mich durchgebissen. Als nächs­tes muss ich nun wohl akzeptieren zu sterben." Wenn sie dann abends im Bett liegt und ihr Leben nochmals vor ihrem inneren Auge Revue passieren lässt, kommt sie zufrieden zu dem Schluss: „Ich habe vieles richtig gemacht und ich habe großes Glück gehabt: Das Schick­sal hat es gut mit mir gemeint."

Erkenntnisse zur Hochaltrigkeit

Dr. Christoph Rott vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Hochaltrigkeit, unter anderem im Rahmen der Heidelberger Hundertjährigenstudie. Die zentrale Erkenntnis zur Hochaltrigkeit: Es gibt Ver­luste und Gewinne. Zu den Verlusten gehören die zunehmenden körperlichen Defizite, vor allem Probleme mir körper­lichen Schwachstellen wie Knochen und Gelenke und andere degenerative Er­krankungen. Doch – und das ist das Erstaunliche und Mutmachende: Im Ge­gensatz zu den körperlichen Verlusten, so die Erkenntnisse Dr. Christoph Rotts, gibt es im hohen Alter kaum psychische Verluste. Das eigene Wohlbefinden und die Lebensbewertung bleibt bei vielen Hochaltrigen stabil. Wenn die körperli­chen und geistigen Ressourcen im Laufe des Lebens abnehmen, bleiben am Ende die eigenen psychischen Stärken. Dazu gehören Einstellungen wie Optimismus oder die Überzeugung, selbst etwas bewirken zu können. Auch die Fähigkeit, Probleme als Herausforderungen zu sehen, kann den Lebenswillen und Lebens­sinn bestärken. „Positive Lebensein­stellungen und gute Lebensmanagement­strategien scheinen viele Beeinträchti­gungen und Einschränkungen ausgleichen zu können", so der Experte.

Wer mehr dazu lesen möchte: C. Rott und D. S. Jopp: Das Leben der Hochaltrigen. Wohlbefinden trotz körperlicher Einschränkungen. In: Bundesgesundheits­blatt 55-2012, Seite 474-480.
Fotos: Daniel Simon