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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Lebendige Geschichte

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Elfi Zuber erhielt für ihr Wirken in der Vermittlung der Münchner Stadtgeschichte und in der Ausbildung von Stadtführerinnen 1983 die Medaille „München leuchtet" in Silber und 1999 das Bundesverdienstkreuz. Wir sprachen mit der umtriebigen Geschichtsvermittlerin.
 
Sie konnten Generationen für München begeistern, viele Stadtführerinnen ausbil­den und mit dem Institut Bavaricum eine wichtige Institution zur Geschichtsvermitt­lung aufbauen. Wo liegt der Ursprung Ihres großen Interesses an Geschichte?
Ich wurde im Erzgebirge geboren. Mein Vater war Musiklehrer und mein Großvater Künstler. Die offene At­mosphäre in meiner Familie war der Nährboden dafür, mich für vieles zu interessieren. Die Begeisterung für die Vergangenheit hat vor allem mein Lieblingsonkel Hugo geweckt, der eine Heimatchronik geschrieben hat. Ich hätte bestimmt Geschichte studiert, doch dann kam der Krieg. Ich erlebte viel Schlimmes, das mich sehr geprägt hat. 1946 kam ich mit meinen Eltern nach München, da war ich 15 Jahre alt. Wir hatten nichts zu essen, aber wir waren heilfroh, überlebt zu haben. Mein Vater kannte die Stadt aus seiner Studienzeit in Regensburg und führte mich durch die Ruinen. Das hat einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und mein Interesse an der Geschichte Münchens geweckt.
 
Wie kamen Sie auf die Idee, das Institut Bavaricum zu gründen?
Ich heiratete 1953 und übernahm die Buchhaltung in der Holzfirma meines Mannes. Das Kaufmännische war aber nicht meine Welt, meine große Liebe galt der Geschichte. Anfang der 1970er Jahre begann ich bei Kulturreisen mit Mikrofon kleine Vorträge zu halten, für die ich viel Beifall erhielt. Kurze Zeit später, im Jahr 1973, mietete ich einen Raum am Marienplatz an, um dort unter dem Namen „Institut Bava­ricum" Kurse zur Stadtgeschichte und Lehrgänge für Stadtführer anzubie­ten. Auf Anregung von Kursteilneh­mern wurde ein Jahr später für Ab­solventen der Stadtführungskurse der „Förderclub Bavaricum" gegründet.
Die Mitglieder konnten an zahlreichen kostenlosen Führungen und Ge­schichtsvorträgen mit prominenten Referenten teilnehmen. Die Manus­kripte der Stadtführungen, die jedes Clubmitglied auszuarbeiten hatte, wurden veröffentlicht. Der Erfolg des Clubs - am Ende waren es 1400 Mit­glieder - lag aber vor allem daran, dass es ein Netzwerk war, in dem im Laufe der Jahre auch viele Freundschaften und Ehen entstanden.
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Wie haben Sie das umfangreiche Wissen für Ihre Arbeit entwickelt?
Ich besuchte regelmäßig Vorträge, Vor­lesungen, Tagungen und Seminare, forschte in Büchern und Archiven, vor allem im Münchner Stadtarchiv, erar­beitete mir die Zusammenhänge hin­ter den Namen und Zahlen und ver­fasste später selbst mehrere Bücher zur Münchner Lokalgeschichte. Ich habe es einfach angepackt. Dabei hat mir mein Interesse an vielem geholfen, auch an neuen Möglichkeiten wie dem Computer, aber auch mein Selbst­bewusstsein. Ich lerne immer noch weiter, gerade mache ich ein Seminar über chinesische Lackmalerei.
 
Worauf führen Sie Ihren Erfolg zurück, in einer Zeit, als nur wenige Frauen ein Unternehmen gründeten und führten?
Ich hatte viel Glück, aber auch einen Mann, der mich unterstützte. Von vie­len Frauen hörte ich, dass ihr Mann so etwas nicht erlaubt hätte. Vor allem arbeitete ich viel, auch samstags. In den Kursen ging ich auf die Teilneh­mer ein, fragte sie, was sie interessiert. Die Vorträge hielt ich trotz Manus­kript immer frei. Mein größtes An­liegen war es, Geschichte so aufzubereiten, dass die Menschen sie verste­hen. Dazu musste ich oft manches mehrmals durcharbeiten! Dr. Bauer vom Stadtarchiv bezeichnete mich und meine Institution einmal als Volksuniversität. Von ihm erhielt ich von Anfang an viel Unterstützung. Ebenso vom Chefredakteur des Mün­chner Stadtanzeigers Erich Hartstein, der das Institut publizistisch unter­stützte, und von der Süddeutschen Zeitung, die unsere Führungen zum Stadtgeburtstag anboten.
 
Gibt es einen Teil der Münchner Geschich­te, der Ihnen besonders am Herzen liegt? 
Ja, die Residenz, denn ich war beim Wiederaufbau ab 1975 dabei. Ich kannte den Residenzbauleiter Prof. Dr. Meitinger und Toni Beil, der verhin­derte, dass die Allerheiligen-Hofkirche abgerissen wurde. Jährlich bot ich acht Residenzkurse an und viele Führungen. Wir hatten einen eigenen Aufseher und durften überall hin. Sie nahmen uns mit auf die Baustellen, beispielsweise zum Kaisersaal. Er wur­de nach der Beschreibung des Italie­ners Pistorini von 1644 wieder herge­stellt, ich habe sogar eine Kopie der Originalbeschreibung. Auch heute ma­che ich dort noch gerne Führungen. Ansonsten interessieren mich alle Epochen und Stadtteile Münchens gleichermaßen.
 
Wie schaffen Sie es, so unternehmenslustig und voller Energie zu sein? 
Wahrscheinlich durch meine Begeiste­rung. Und ich mache seit 50 Jahren Yoga. Im Auto hatte ich immer einen Badeanzug dabei und ging zwischen den Terminen schwimmen. Ich habe das Institut 40 Jahre geleitet, doch im Jahr 2013 mussten wir es schließen, da die Miete zu teuer wurde und sich für mich keine Nachfolge gefunden hat. Aber viele Kontakte blieben bis heute bestehen - wir sind gewissermaßen gemeinsam alt geworden.

Information

Das Institut Bavaricum bietet Führungen und Monatsbriefe an. Weitere Informa­tionen unter
Fotos: Maren Willkomm