Wohnen & Pflege

MÜNCHENSTIFT-Onlinemagazin

Entlastung für Angehörige

Tagespflege 1 _300_200
Im Januar eröffnete im MÜNCHENSTIFT-Haus St. Josef ein Bereich für Menschen, die tagsüber Betreuung und Pflege benötigen. Sie finden hier ein kurzweiliges und förderndes Umfeld sowie pflegerische Unterstützung, während ihre Angehörigen Zeit für anderes haben.

Wenn sich im dritten Stock des historischen Gebäudes von St. Josef die Lifttüren öffnen, be­tritt man ein großes hellgrünes Foyer. Von dort fällt der Blick auf die Tür zur Wohnküche, die das Zentrum des Tagespflegebereichs bildet. Hier werden von Montag bis Freitag zwischen 8 und 16 Uhr Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf versorgt, während ihre Angehörigen arbeiten, Behörden­gänge, Arztbesuche oder sonstige Ter­mine wahrnehmen oder einfach die freie Zeit zur Erholung von der kräf­tezehrenden Pflege ihres Angehörigen nutzen. Den Gästen wird hier ein an­regendes und gemütliches Umfeld geboten, in dem sie nicht nur die notwendige pflegerische Fürsorge er­halten. Durch die Ausübung individu­eller Hobbys oder dem Gemeinsamen Einkaufen und Kochen wird für die Gäste auch ein strukturierter Alltag geschaffen, an dem sie aktiv teilhaben können.
Tagespflege 300_200
Aktiv sein: Kochen, backen, basteln oder malen - den Gästen in der Tagespflege werden viele Möglichkeiten geboten.
 
Vertraute Abläufe geben Halt
Heute sind Alessandro Bruno, Franz Grassl, Erich Reindl, Eva Pauli und ein neuer Gast da, der die Tagespflege zunächst einmal probeweise in An­spruch nimmt. Durch die großen Fens­ter scheint die Sonne in den hellen Raum, auf die Töpfe mit Kräutern, die beim Kochen genutzt werden. Einige Gäste sitzen an dem großen Tisch in der Mitte der Wohnküche, wo sie ma­len, spielen oder sich mit den Betreuungskräften unterhalten. Erich Reindl ist gerade dabei, in der geräumigen Küchenecke zusammen mit Präsenz­kraft Maja Krstanovic einen Apfelku­chen für den Nachmittag zu backen. Nachdem sie einkaufen waren und die Äpfel geschnitten haben, rührt der 81­Jährige nun gewissenhaft den Mürbe­teig. Schon bald darauf zieht ein heimeliger Geruch nach frisch ge­backenem Kuchen durch den Raum.
Obwohl die Hausküche frisches Essen liefert, wird mehrmals in der Woche gemeinsam gekocht oder gebacken. Denn die Düfte beim Schneiden von frischen Kräutern und von Gemüse re­gen nicht nur die Sinne an, sondern vermitteln auch ein Stück Alltag. Nach dem Mittagessen legt Eva Pauli sich gerne in den abgetrennten Ruheraum. Alessandro Bruno setzt sich lieber auf einen der Liegesessel in den gemütli­chen Nischen, wo das Licht gedämpf­ter ist. Franz Grassl und Erich Reindl
schauen sich später einen Bergfilm an, der speziell für Menschen mit einer Demenz mit langsamen Schnitten pro­duziert wurde. Zum Ausklang des Ta­ges wird noch eine Geschichte vor­gelesen und in der Runde danach darüber gesprochen.
„Unser Ziel ist es, dass die Gäste sich bei uns wohl fühlen, selbstbestimmt sein dürfen und sie so zu unterstüt­zen, dass ihnen das Leben zu Hause leichter fällt und die Angehörigen ent­lastet werden", erklärt der Leiter der Tagespflege, Helge Gruner. Er wurde nach dem psychobiografischen Pflege­konzept von Erwin Böhm ausgebildet, das viele Anregungen für die individu­elle Betreuung von Menschen mit ei­ner Demenz enthält. Dabei spielt die Biografie eine zentrale Rolle. Vor al­lem die Gewohnheiten oder fami­liären Rituale, die in der frühen Kind­heit gelernt wurden, geben Menschen mit einer Demenz im Heute Halt und Orientierung: „Wir achten auf die je­weilige Geschichte unserer Gäste und passen auch die Umgebung daran an. Wenn jemand z. B. die Toilette nicht findet und zu Hause auf dem Bauern­hof am WC ein Herz hatte, kommt bei uns auch ein Herz auf die Tür."
Tagespflege 3 300_200
Kreativ sein: Unterschiedliches Material lädt zum Basteln und Malen ein.
 
Eine interessante Aufgabe
Das Team besteht aus drei Fachkräften und einer Präsenzkraft. Heinz-Jürgen Beierle, zuvor Leiter des Beschützen­den Bereichs im Haus an der Rümannstraße, hat sich bewusst für die Stelle bei der Tagespflege beworben: „Hier kann ich mehr mit Menschen arbeiten, und es ist spannend, etwas Neues mit aufzubauen", beschreibt er seine Mo­tivation. Auch Ringo Wolf, der seit 20 Jahren in der Pflege tätig ist, hat viel Freude an der abwechslungsreichen Arbeit mit den Tagesgästen: „Wir müs­sen offen und flexibel sein, um indivi­duell auf unsere Gäste eingehen zu können. Das Wichtigste ist, dass die Leute einen schönen Tag erleben." 
Aber auch die Angehörigen profitieren von den Erfahrungen, die die Fach­kräfte bei der Tagesgestaltung mit den Gästen machen, weiß Leiter Helge Gruner: „Wir können dadurch den An­gehörigen immer wieder Anregungen für den Alltag zu Hause mitgeben oder Tipps für Krisensituationen."
Die Tagespflege ist offen für alle. Allerdings ist es günstig, wenn zumin­dest Pflegegrad 2 vorliegt, erklärt Hel­ge Gruner, „denn dann übernimmt die Pflegekasse anteilig die Kosten der Ta­gesbetreuung." Er hilft Angehörigen auch bei der Antragstellung. Das hat für Elfriede Reindl einiges erleichtert. Nachdem bei ihrem Mann eine Alz­heimer Erkrankung diagnostiziert wur­de, verschlechterte sich die Situation für beide drastisch. Sie fand zunächst woanders für ein paar Tage in der Wo­che eine Unterbringungsmöglichkeit, doch waren die Fahrzeiten sehr lang. „Ich war erleichtert, als ich von der Ta­gespflege hier erfuhr, schließlich woh­nen wir gleich um die Ecke. Außerdem kannte ich das Haus schon, denn mein Vater und meine Tante waren hier", erzählt die Rentnerin. „Und dann hat mir Herr Gruner auch noch bei den ganzen Anträgen und der Korrespon­denz geholfen!"
Tagespflege 4 300_200
Ein vertrauensvolles Miteinander: das Team und Gäste in der Tagespflege.

Die Nachfrage ist groß, und das aus dem ganzen Stadtgebiet. „Deshalb gibt es für unseren Tagespflegebereich einen eigenen Fahrdienst, der die Gäs­te holt und wieder nach Hause bringt", erklärt Predrag Savic, Leiter des Hau­ses St. Josef, den zusätzlichen Service, der erlaubt, die Tagespflege im gesam­ten Münchner Raum anzubieten. Doch auch die Öffnung des Hauses in den Stadtteil spielt eine wichtige Rolle: „Mit dem Ambulanten Dienst bieten wir ja bereits Unterstützung vor Ort an. Mit der Tagespflege gibt es nun eine weitere Entlastungsmöglichkeit für Menschen aus der Nachbarschaft. Falls dann ein Einzug in den Pflege­bereich nötig wird, kennen die Gäste das Haus bereits und die Entschei­dung fällt weniger schwer", weist er auf einen Vorteil hin und ergänzt: „Wer den Tagespflegebereich kennen­lernen möchte, kann unverbindlich zu einem Schnuppertag zu uns kommen. Falls das Betreuungsangebot zusagt, folgt danach eine vier- bis sechs­wöchige Eingewöhnungszeit."

Tagespflege im Haus St. Josef

Weitere Informationen zur Tagespflege im Haus St. Josef erhalten Sie bei Helge Gruner unter Tel. (089) 74147-143.
Fotos: Daniel Simon