Wohnen & Pflege

MÜNCHENSTIFT-Onlinemagazin

Tiere und Pflanzen tun gut

GreenCare
Über das sinnliche Erleben der Natur, mit Pflanzen im haus­eigenen Garten und Tieren, die für Abwechslung und Zuwendung sorgen, freuen sich viele Bewohnerinnen des Alfons-Hoffmann-Hauses. Auch in anderen Häusern gibt es tiergestützte Angebote.
 
Im Garten haben sich an diesem Sommertag rund 50 Bewohnerinnen und ihre Angehörigen sowie Pflegekräfte versammelt. Die freudige Erwartung vieler ist zu spüren, denn heute ist Monika Posmik vom Zentrum für tiergestützte Pädagogik, Therapien und Fördermaßnahmen mit einem Alpaka und mehreren Schafen und Kaninchen im Hause. Alle zwei Monate sind die Tiere zu Besuch und werden zwischen Kräuterhochbeet, Johannisbeersträuchern, Blumen und jungen Obstbäumen eifrig gefüttert, gestriegelt und gestreichelt. Viele der Hausbewohnerinnen wurden in Roll­stühlen oder Cosyliegen herangefah­ren, unter ihnen an Demenz und Multipler Sklerose Erkrankte. Die Mit­arbeitenden bringen denjenigen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, einzelne Tiere oder setzen sie ihnen auf den Schoß. Dann kann man sehen, wie Augen aufleuchten oder ein Lächeln ein Gesicht erstrahlen lässt. „Das Schöne daran ist, dass hier alle mitmachen können, egal wie mobil sie sind. Wir haben die Erfahrung ge­macht, dass selbst Menschen mit star­ken Schmerzen diese im Zusammen­sein mit den Tieren vergessen", beschreibt Hausleiterin Anja Grunwald die Wirkung des Kontakts mit den vierbeinigen Besuchern.
 
Lebenselixier Natur
Der Tierbesuch ist Teil des Projekts „Green Care" im Alfons-Hoffmann­-Haus. Es bedeutet wörtlich übersetzt „grüne Pflege". Dabei handelt es sich um natur- und tiergestützte Aktivitäten, durch die die Gesundheit, das Wohlergehen und die Lebensqualität von Menschen erhalten oder gestei­gert werden können. Sie sind, so weit wie möglich, in den Lebensalltag von Bewohnerinnen wie Pflegenden eingebunden. Im Alfons-Hoffmann-Haus geschieht dies vor allem durch die Mithilfe im hauseigenen Garten und die Beschäftigung mit Tieren. Zudem gibt es eine mobile Gärtnerei, die den Be­wohnerinnen auf Wunsch in ihren Zimmern Topfpflanzen herrichtet oder ihnen dabei hilft. Auch Ausflüge zu Gärtnereien und landwirtschaftlichen Höfen stehen auf dem Pro­gramm. Ganz besonders lieben es die Bewohnerlnnen, Johannisbeeren zu pflücken und daraus gemeinsam ei­nen Kuchen zu backen oder mit dem Schnittlauch vom Kräuterhochbeet leckere Butterbrote anzurichten.
Für viel Freude sorgen auch die Haustiere, die viel Lebendigkeit in die häusliche Atmosphäre bringen. So wie die Hauskatze Willi oder Carlos, der Mops von Hausleiterin Anja Grunwald, und Henry, der Bolonka Swetna des Pflegedienstleiters Holger Damme. „Gerade Menschen, die früher selbst einen Hund oder eine Katze hatten, öffnen sich im Kontakt mit ihnen. Es macht sie glücklich, ihrem Treiben zuzuschauen und sie zu streicheln", er­zählt die Hausleiterin.
 
Tierischer Besuch
Aber auch den Mitarbeitenden berei­tet das Umgehen mit Pflanzen und Tieren Freude und bringt sie immer wieder auf neue ideen für die Betreu­ung. „Ich selbst habe durch ein ein­dringliches Erlebnis von der positiven Wirkung von Tieren erfahren", erzählt der Pflegedienstleiter Holger Damme. Damals arbeitete er noch im Wach­komabereich im MÜNCHENSTIFT­-Haus St. Josef und erlebte, wie es einem Hund gelang, zu einem Pa­tienten durchzudringen, den kein Mensch mehr erreichen konnte. „Das brachte mich auf die Idee, mir einen kleinen Hund anzuschaffen und in das Alfons-Hoffmann-Haus mitzu­bringen, wo ich jetzt arbeite. Nächstes Jahr will ich dann den Hundeführer­schein machen."
Zusammen mit Carlos, dem Mops der Hausleiterin, sorgt Henry nun für Abwechslung im Alltag der Mitarbeiten­den und der BewohnerInnen. Zu ihnen gehört die 94-jährige Theresia Bach­meier, die seit zehn Jahren hier lebt. Seit einem Schlaganfall kann sie nicht sprechen und sich nicht mehr bewegen. Ihre Tochter freut sich darüber, wie gut ihrer Mutter die Anwesenheit von Tie­ren tut: „Ich sehe, wie meine Mutter auf Carlos und die Hauskatze Willi immer wieder mit Augenbewegungen reagiert. Sie mochte Tiere schon immer und es ist zu merken, dass sie sich zusammen mit ihnen einfach wohler fühlt!" Auch im Wohnbereich der an Multip­ler Sklerose Erkrankten wird der Tier­besuch sehr geschätzt. Regelmäßig kommt die Ehrenamtliche Anne Steincke mit Emil, einem dreijährigen Mini Australian Shepherd, zu einzel­nen BewohnerInnen und Gruppen. Die Ausbilderin von Therapiehunden ist mit Emil außerdem auch regelmäßig zu Besuch bei Demenzerkrank­ten im MÜNCHENSTIFT-Haus St. Jo­sef. „Wenn ich komme, informiert mich die Ehrenamtskoordinatorin Claudia Beil zuerst einmal, wem es ge­rade nicht so gut geht und ein Hun­debesuch deshalb besonders gut tun würde", erklärt die Ehrenamtliche.
 
Positive Wirkung
Da Tiere sehr unterschiedlich auf Menschen wirken, werden je nach Si­tuation verschiedene Tiere eingesetzt. „Alpakas und Schafe stillen das Be­dürfnis nach Zärtlichkeit und sozialer Nähe. Emil dagegen ist ein Motivator und daher sehr geeignet für Men­schen, die sich nicht bewegen kön­nen", weiß die Expertin. Sie hat ihn darauf trainiert, sich auf einem Tisch streicheln oder bürsten zu lassen und zu spielen. So ist ein direkter Körper­kontakt auch dann möglich, wenn ein Mensch im Rollstuhl sitzt.
Warum das Berühren und Streicheln von Tieren Menschen so gut tut, erklärt die Wissenschaft mit dem Hor­mon Oxytocin, auch Bindungshormon genannt. Es entsteht beim direkten Kontakt und baut Stress und Anspan­nungen ab. Anne Steincke erklärt sich die positive Wirkung auch damit, dass Tiere Menschen gegenüber wertfrei und offen sind, unabhängig von ihrem Aussehen oder Befinden. Diese fühlen sich dadurch akzeptiert. Vor allem bei Menschen, die sich sprachlich nicht verständigen können oder keine menschlichen Ansprechpartner wollen, üben Hunde eine wichtige Brücken­funktion aus. Sie nehmen die kleins­ten Veränderungen in der Mimik und Gestik ihres Gegenübers wahr und helfen damit, Menschen zu verstehen, die ihren Willen nicht mehr äußern können. „Dann öffnet sich ein kleines Fenster, durch das es möglich ist, mit dem Menschen Kontakt aufzuneh­men", freut sich die Ehrenamtliche.
Auch bei der Mobilitätsförderung können Tiere helfen. So werden beispielsweise durch gezielte Übun­gen im Spiel mit Emil Bewegungs­abläufe, Koordination und Motorik der MS-BewohnerInnen trainiert: Er erhält seine Leckerli nicht einfach mit der Hand, sondern die Bewohner­Innen geben sie ihm mit Hilfe eines Löffels, durch einen Schlauch oder aus einer Flasche. Dadurch, dass das Spielerische im Vordergrund steht, wird das Training - im Gegensatz zur Physiotherapie - nicht als anstrengen­de Übungen wahrgenommen, zu der eigens motiviert werden muss. Wenn das dann geklappt hat, freuen sich Mensch und Tier. Anne Steincke ist immer wieder aufs Neue verblüfft, was mit Hilfe von Tieren alles möglich ist: „Es ist schön zu erleben, wie bis da­hin gänzlich unzugängliche Menschen irgendwann in die Gruppe kommen und mit dem Hund spielen. Das moti­viert mich dazu, weiter zu machen!"
Fotos: Daniel Simon