Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Anregung für Geist und Körper

LebenslangLernen_MVHS
Im Herbst 2015 startete die Münchner Senioren-Volkshochschule mit einem neuen Kursangebot in Haus St. Josef, im Jahr darauf im Haus an der Rümannstraße. Das neuartige Bildungs­programm für das lebenslange Lernen richtet sich ganz besonders an ältere, wenig mobile SeniorInnen in den MÜNCHENSTIFT-Häusern und in den Stadtteilen. Zwei der Kurse in Haus St. Josef haben wir besucht und die Leiterin der Senioren-Volkshochschule befragt.
LebenslangLernen_2
Mithilfe der guten Ausschilde­rung finden die Teilnehme­rinnen des Kurses „Tänzeri­sche Gymnastik" leicht zum Theatersaal im Haus St. Josef. Neun Frauen sind an diesem Montag in dem Licht durchfluteten Raum zusammen­gekommen und werden von der Kurs­leiterin Eva Schreiter gut gelaunt be­grüßt. Dazu gehören Bewohnerinnen von St. Josef und dem Margarete-von­-Siemens-Haus. Auch eine Anwohnerin aus der Nachbarschaft schaut heute zum Kennenlernen he­rein. Beweglich bleiben, Kraft und Gleichgewicht trainieren, den ganzen Körper aktivieren durch Strecken, Dehnen, Fangen und Greifen – das geht am besten mit wechselnden Requisiten und schwungvoller Musik. „Früher habe ich viel Sport getrieben. Das geht jetzt nicht mehr", erzählt Emma Höll. Die neuen Kurse der MVHS in St. Josef seien genau das Richtige, so die 79-Jährige. Am Donnerstag gehe sie auch zum Entspannen in den Qigong-Kurs. Auch Käthe Schriefers kommt gerne: „Ich bin noch viel unterwegs. Die Gymnastik am Montag ist eine ideale Ergänzung", freut sich die 85-Jährige.
Während des Kurses geht die Leiterin gezielt auf die individuellen Bedürfnis­se der Teilnehmerinnen ein. Wenn bei einer ein Knie schmerzt oder bei einer anderen die Schulter Probleme macht, hilft sie, Bewegungsalternativen zu fin­den. „Im Verlauf des Lebens entwickeln Menschen eingefahrene Bewegungsab­läufe oder bei Schmerzen Schonhaltungen. Mein Anliegen ist es, die Sinne anzusprechen, die Wahrnehmung zu schärfen und zu Bewegungen anzure­gen, die lange nicht mehr gemacht wurden." Dabei lernen die Teilnehme­rinnen auch, wie sie ihre Beweglichkeit im Alltag verbessern können. Zwei Aspekte sind der staatlich geprüften Gymnastiklehrerin aus ihrer langjähri­gen Berufserfahrung sehr wichtig: „Es müssen nicht immer große Schritte sein, schon kleine Veränderungen sind hilfreich. Hauptsache man ist dabei. Außerdem soll jede Teilnehmerin nur das machen, was geht und was ihr Freude bereitet."
LebenslangLernen_Sattler_MVHS
Lebendige Diskussion
Im Kurs „In der Zeitung steht's!" mit dem ehemaligen BR-Journalisten und Rathaus-Sprecher Florian Sattler haben sich an diesem Dienstag sieben Teilnehmerinnen zum Thema „Brauchen wir eine Agrarwende?" ein­gefunden. Angeregt diskutieren sie die einführenden Argumente des Dozen­ten und verbinden dabei politische Fragen mit individuellen Anliegen und Erfahrungen. „Er ist ein Moderator, der uns eine lange Leine lässt", freut sich Teilnehmerin Lydia Grewe. „Wir haben selbst schon hier im Haus eine Diskussionsgruppe auf die Beine ge­stellt, doch es ist viel besser, einen versierten Diskussionsleiter zu haben. Und in einem größeren Kreis macht es außerdem noch mehr Spaß", ergänzt Elisabeth Walloth. Die beiden freuen sich über den in­tensiven Austausch. „Als mein Mann vor drei Jahren wegen Alzheimer hier­her kam, bin ich mit eingezogen", er­zählt Lydia Grewe. „Ich suche An- und Aussprache, möchte hören, was ande­re denken und Anregungen bekom­men", beschreibt die 88-Jährige ihr An­liegen. Ähnlich geht es Elisabeth Walloth: „Ich bin seit einem Jahr auf einen Rollstuhl angewiesen und lebe seither hier im Haus St. Josef. Im Ru­hestand habe ich noch ein Geschichts­studium an der Universität absolviert und lese gerne und ausführlich Zei­tung. Viele unserer Generation wer­den so alt, weil wir so aktiv bleiben", ist die 90-Jährige überzeugt. Kurslei­ter Florian Sattler freut sich über das Interesse an seinem Kurs: „Ich bin be­eindruckt, wie neugierig und vielsei­tig die TeilnehmerInnen sind. Frontalunter­richt geht hier gar nicht, denn nach zwei oder drei Sätzen geht die Diskus­sion angeregt los. Wichtig ist vor allem das Erzählen von Erlebtem und die Kommunikation."
LebenslangLernen_3
Ein neuartiges Kursangebot
Neben den beiden Kursen gibt es im Programm „MVHS in St. Josef" weitere Angebo­te: Gedächtnistraining, Eng­lisch und Entspannung durch Qigong mit erfahrenen Dozenten gehören ge­nauso dazu wie seniorengerechte Führungen. Ei­nes ist allen Kursen gemein: Sie richten sich an Ältere, die nicht mehr so mobil sind. Sie stehen nicht nur BewohnerIn­nen der MÜNCHENSTIFT-Häuser of­fen, auch Anwohner aus der Nachbar­schaft sind dazu eingeladen, die Kurse zu besuchen. „Wir können mit diesem neuartigen Bildungsangebot für hochaltrige Menschen eine Brücke ins Stadtviertel schlagen", freut sich Sieg­fried Benker, Geschäftsführer der MÜNCHENSTIFT.
Die Kurse sollen die älteren TeilnehmerInnen dabei unterstützen ihre Gesundheit zu erhalten, ihr Wohl­befinden zu stärken und die Freude am gemeinsamen Lernen neu zu ent­decken und zu pflegen. „Körperliche und kognitive Aktivitäten wirken sich sehr positiv auf die Gesundheit und Lebenszufriedenheit aus. Ältere Men­schen lernen nicht schlechter, son­dern anders. Bei ihnen steht die Freu­de an der Sache im Vordergrund und nicht die Verwertbarkeit in Beruf oder Freizeit", erklärt Dr. Susanne May, Ge­schäftsführerin der MVHS.

Information

Die aktuellen Programme im Haus St. Josef und im Haus an der Rümannstraße liegen in allen MÜNCHENSTIFT-Häusern und MVHS-Stellen aus oder können unter Tel. 089 62020-340 angefordert werden.

Neue Wege bei der Seniorenbildung

LebenslangLernen_Farago_MVHS
Gespräch mit Andrea Faragó, Projektleiterin der Senioren-Volkshochschule.
 

Wie ist die Idee für die MVHS in der MÜNCHENSTIFT entstanden? 
Es hat einen langen Vorlauf gebraucht, denn wir betre­ten mit diesem Angebot Neuland. Ausgangspunkt war die Frage, wie wir Hochaltrige erreichen, die ein großes Bildungsbedürfnis haben, aber wegen ihres körperli­chen Befindens nicht mehr in unsere Kurse kommen können. Das geht am besten vor Ort, im Lebensumfeld der SeniorInnen. Herr Benker, der Geschäftsführer der MÜNCHENSTIFT, war von der Idee begeistert, denn er möchte die Häuser auch für die AnwohnerInnen im Stadtteil zugänglich machen. Nach den Vorgesprächen hat die MVHS das Programm entwickelt und stellt die Dozenten. Die MÜNCHENSTIFT organisiert vor Ort Kursräume und bewirbt die Kurse in den Häusern und über den Ambulanten Pflegedienst im Stadtteil. Mit Prof. Pohlmann von der Hochschule München und Prof. Tippelt von der Ludwig-Maximilians-Universität haben wir Partner gefunden, die das Projekt wissen­schaftlich begleiten. Sie haben im Vorfeld eine Umfra­ge unter SeniorInnen – die meisten über 80, der älteste 98 Jahre alt – zu deren Wünschen durchgeführt und die Fortbildung unserer DozentInnen übernommen. In der Anfangsphase des Projekts werden wir zudem vom So­zialreferat gefördert.
 
Was ist das Besondere an diesem Bildungsprogramm?
Damit das Kursangebot die Bedürfnisse der SeniorIn­nen erfüllt, haben wir die Umfrageergebnisse als Grundlage für die Konzeptentwicklung genommen. Je nach Befinden und Vorhaben können TeilnehmerInnen nun jederzeit bei den Kursen einsteigen und müssen nicht den gesamten Kurs buchen. Die Befragten haben sich anstelle der üblichen 90 Minuten kürzere Lernein­heiten von 60 Minuten gewünscht. Auf ihre Anregung hin finden die Kurse immer am Nachmittag statt. Die Räume sind klein und die räumliche Akustik ist gut. Besonderer Wert wurde auf die Orientierung und über­sichtliche Beschilderung bis zum Unterrichtsraum ge­legt. Bei den Inhalten haben wir darauf geachtet, dass sie alltagsbezogen sind sowie den unterschiedlichen Kenntnisstand und die Erfahrungen der Teilnehmer­Innen berücksichtigen. Es geht nicht um Ergebnisse und Zeugnisse, sondern um die Freude am Neuen und die Lust am gemeinsamen Lernen, Ausprobieren und Diskutieren. Für das Projekt konnten wir DozentInnen gewinnen, die langjährige Lehrerfahrungen in der Seni­orenbildung haben.
Fotos: Daniel Simon