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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Innovative Brautradition

Die Giesinger Biermanufaktur & Spezialitätengesellschaft steht für handwerklich erzeugte Bierqualität. Nach einer Führung im Rahmen des MÜNCHENSTIFT-Veranstaltungsprogramms traf die Redakteurin Monica Fauss den Brauereigründer Steffen Marx.
 
Giesinger Bräu
Steffen Marx war es nicht in die Wiege gelegt, dass er einmal eine Münchner Brauerei gründen und sich für traditionelle Braukultur engagieren würde. Der 39Jährige aus Mecklenburg-Vorpommern trank, bis er 18 Jahre alt war, keinen einzigen Tropfen Alkohol. Auch beruflich schlug er zunächst eine ganz andere Richtung ein und begann im Jahr 1999, dem Vater folgend, in München Vermessungswesen zu studieren. „Ich merkte aber schnell, dass der Studiengang mir nicht lag, und wechselte zum Brauereiwesen nach Weihenstephan", erinnert er sich. Während eines Praktikums lernte er einen Braumeister kennen, der unzufrieden in seiner Anstellung war. Dann ging alles sehr schnell: „Wir entschlossen uns, etwas Neues und Eigenes zu starten." Kurzentschlossen brach Steffen Marx sein Studium ab, und sie mieteten in Untergiesing Räume in einer ehemaligen Hühnerschlachterei. 2006 ging es los mit 200 Hektolitern, das entspricht 200 000 Litern, die gleich vor Ort an Selbstabholer verkauft wurden. „Wir hatten damals wenig Geld und Equipment und keine Möglichkeit zur Filtration. Unsere unbehandelten und naturtrüben Biere waren zwar nicht so lange haltbar wie industriell erzeugte, aber wie sich herausstellte, waren sie viel geschmackvoller." Das sprach sich schnell herum, und das neue Bier fand immer mehr Liebhaber. Auch ein Genussscheinsystem für 100 Euro pro Person führten sie damals ein, um den Verkauf anzukurbeln.
 
Von 0 auf 100
Bald schon stießen sie am ursprünglichen Standort an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Sie suchten nach größeren Produktionsräumen und fanden nur ein paar 100 Meter entfernt eine gute Alternative in einem stillgelegten Obergiesinger Umspannwerk. Den Großteil des Geldes für die zweijährigen Umbau- und Sanierungsarbeiten musste Steffen Marx, inzwischen alleiniger Geschäftsführer des Giesinger Bräus, von der Bank aufnehmen. Aber immerhin acht Prozent der Gesamtsumme kamen über Crowdfunding von überzeugten Kunden und Fans der Stadtteilbrauerei zusammen. „Von unseren heutigen 1 200 Sympathisanten und 230 Sponsoren sind viele seit der Anfangszeit mit dabei und ich kenne sie alle persönlich", freut sich der Bierbrauer.
 
Im November 2014 war es dann endlich soweit: Die Brauerei eröffnete den neuen Standort auf dem Giesinger Berg. Heute arbeiten dort zehn MitarbeiterInnen, weitere fünfzehn im Stüberl sowie jeweils eine PraktikantIn in beiden Bereichen. Elf traditionelle Sorten und vier innovative Biere werden inzwischen in der Gaststätte und über den Straßenverkauf angeboten. Viel Wert legt Steffen Marx auch auf den Verkauf über kleine inhabergeführte Getränkemärkte: „Wir unterstützen sie vor allem hier im Stadtteil, aber auch stadtweit. In ganz München sind es über 200." Auch ergänzende Produkte sind inzwischen hinzugekommen: „Da wir althergebrachte, heute nicht mehr übliche offene Gärbottiche benutzen, können wir die Nebenstoffe entnehmen und weiter verwerten. Daraus entstehen beispielsweise Gelee, Salz, Senf, Wurst oder Seife. Die Artikel bekommt man bei uns, aber auch auf einem Stand auf der Auer Dult."
 
Stadtteil- und Regionalbezug
Auch Führungen, Verkostungen und Braukurse gibt es am jetzigen Standort. Denn Steffen Marx liegt es am Herzen, Menschen die Braukultur näherzubringen: „Viele wissen nicht, was alles dazugehört, bis ein Glas unseres Bieres auf dem Tisch steht. Erst wenn man das weiß, kann man es wertschätzen und ist auch bereit, für den Mehraufwand und die Qualität zu zahlen. Das Wort Kunden gibt es bei uns nicht, wir sagen Gäste oder noch lieber Genießer." 500 kommen inzwischen pro Tag. Vom Stüberl aus können sie den Blick in das Sudhaus schweifen lassen und von der Terrasse aus zur evangelischen und katholischen Kirche: „Wenn wir nicht schon so einen passenden Namen mit Stadtteilbezug hätten, würden wir uns ,Kirchenwirt' nennen", überlegt Steffen Marx.
Der Brauer sieht das Giesinger Bräu in der Tradition kleiner handwerklicher Stadtteil-Brauereien, die ihre Rohstoffe aus der Region beziehen, und verbindet dies mit innovativen Ansätzen: „Unser Bier ist zwar traditionell, aber nicht auf alt gemacht, sondern modern", beschreibt er das Konzept „Wir stellen nur trübe Biere her, denn alle anderen Sorten – auch alkoholfreie – können wir nicht vertreten." Inzwischen haben auch große Brauereien das Potential trüber Biere erkannt, doch kleine Brauereien können Neuerungen schneller umsetzen. So gibt es auch ein Pils im Sortiment, das auf den bayerischen Gaumen abgestimmt wurde. „Diese Neukreation ist mein Lieblingsbier", verrät er schmunzelnd. Und das wird sicher nicht die letzte Neuerung des Giesinger Bräu sein. Denn Steffen Marx hat bereits einige Pläne für die Zukunft im Kopf. Na dann - Prost!

Giesinger Spezialitäten-Brauerei & Biermanufaktur

Martin-Luther-Str. 2, Reservierung Bräustüberl, Tel. 089 55062184
Foto: Daniel Simon