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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Aufgeben ist nicht meine Sache

Aufgeben ist nicht meine Sache
Obwohl Petra Seidel seit ihrem Unfall vor sechs Jahren Arme und Beine nicht mehr bewegen kann, ist sie ein lebensfroher Mensch. Heute lebt die 64-Jährige im Neurologischen Wohnbe­reich des MÜNCHENSTIFT­-Hauses an der Effnerstraße.
 
Drei Uhr nachts in einer Bäckerei in Altjesnitz: Petra Seidel beeilt sich, die ersten Stollen für das Weihnachtsge­schäft in den Vorratsraum zu bringen. Plötzlich versagt ihr rechtes Bein, sie stürzt und prallt mit dem Kopf gegen die Wand. Eine Mitarbeiterin findet sie und ruft den Ehe­mann. 22 Jahre zuvor hatte das Ehepaar Seidel den Betrieb von den Eltern des Bäckermeisters übernommen und ihn erfolgreich ausgebaut. Doch dieser Tag änderte alles. Nach elf Monaten auf der Intensivstation und anschlie­ßender Reha war die damals 58-Jährige querschnittsgelähmt. Aber es kam noch schlimmer: Ihr Mann über­anstrengte sich beim barriere­freien Umbau der Bäckerei und des gemeinsamen Wohn­hauses und erlag einem Herz­infarkt.
 
Zurück ins Leben
„Wir hatten den Kredit abge­zahlt, die Kinder waren versorgt und die Bäckerei lief gut", erinnert sich Petra Seidel an die Zeit vor dem Unfall. Die drei in München lebenden Kinder suchten nach dem Tod des Vaters nach einem Pflegeplatz für ihre Mutter. Im MÜNCHENSTIFT-Haus an der Effnerstraße wur­den sie fündig. Dort eröffnete 2013 eine Station für Menschen mit neurologischen Erkrankun­gen und besonderem Pflegebe­darf. Petra Seidel zog als Erste ein, heute leben hier elf Bewoh­nerInnen.
Aufzugeben kam ihr nicht in den Sinn. Sie setzte nach dem Einzug sofort alle Hebel in Bewegung, damit Ergo- oder Physiothera­peuten aus der Praxis im Haus mit ihr trainieren. In ihrem Zimmer steht inzwischen ein therapeutisches Bewegungsgerät,
an dem sie fleißig Übungen durchführt. Auch Avdi Vrajolli unterstützt Petra Seidel mit aktivierender Pflege: „Basale Stimulation und Maßnahmen nach dem Bobath-Konzept helfen bei der Mobilisierung und steigern die Lebensqualität", erklärt der Pfleger.
 
Immer wieder Neues Lernen
Petra Seidel musste sich in ihrem Leben immer wieder Herausforderungen stellen vor allem beruflich: „Man wächst an seinen Aufgaben" beschreibt sie ihre Offenheit gegenüber Neuem. Das half ihr nach dem Unfall. Sie lernte ihren Spezialrollstuhl zentimetergenau mit dem Mund zu steuern. Mit ihm ist sie häufig unterwegs und freut sich über die netten Begeg­nungen, die sie dabei macht. Über ihren Tablet-PC, den sie auch mit dem Mund bedient tauscht sie sich mit Freunden und der Familie aus, „Ich werde oft bedauert, dabei bin ich doch auf die Sonnenseite des Lebens gefallen", beschreibt sie ihr Lebensgefühl. Zwar ist Petra Seidel bei fast allem auf die Hilfe der Pflegekräfte ange­wiesen, doch ihr hartnäckiges Üben hat sich gelohnt: „Die Nerven haben angefangen, sich neue Bahnen zu suchen. Dadurch sind meine Arme sehr lebendig geworden – ich kann schon mit der Gabel ein Brotstück aufpicken", stellt sie strahlend fest. Doch damit nicht genug: „Irgendwann möchte ich meinen fünf Enkeln hinterherlaufen!"
Foto: Daniel Simon