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Wohnen & Pflege

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Leben mit Demenz

Demenziell Erkrankte finden in den Häusern der MÜNCHENSTIFT viele Angebote, die auf ihre jeweilige Situation zugeschnitten sind und Angehörigen Hilfe bieten.
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Je älter wir werden, desto mehr sind wir in unserem Umfeld mit demenziellen Erkrankungen kon­frontiert. Die Zahl steigt stetig: Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gab es im Jahr 2014 etwa eineinhalb Millionen Demenzerkrank­te in Deutschland, bis 2050 werden es etwa drei Millionen sein. Nicht nur die politisch Verantwortlichen, die gesam­te Gesellschaft muss sich auf diese Herausforderung vorbereiten.
Die MÜNCHENSTIFT hat bereits ein breitgefächertes Angebot für demen­ziell Erkrankte. Dazu gehören geronto-psychiatrische Wohngruppen für Menschen mit fortgeschrittener Demenz oder beschützende Bereiche für Weglaufgefährdete. Für Betroffe­ne mit weniger Betreuungsbedarf gibt es die Tagespflege im Haus St. Josef. Ein stationäres Angebot für fitte, aber kognitiv eingeschränkte Menschen ist die Hausgemeinschaft im Haus an der Rümannstraße. Zudem bietet die Fach­stelle für pflegende Angehörige indivi­duelle Beratung und Veranstaltungen für Angehörige und Ehrenamtliche.
Neben dem Ausbau der bisherigen werden auch neue Angebote ent­wickelt. „Um der steigenden Zahl kog­nitiv Erkrankter geeignete Formate anbieten zu können, die ihnen Selbst­bestimmung und Sicherheit bieten, ist die MÜNCHENSTIFT gerade dabei, neue Konzepte zu testen", so Susanne Krempl, die bisherige Qualitätsbeauftragte und seit Januar 2018 Referentin der Stabstelle Strategie Pflege und Be­treuung. Dazu gehören z.B. Umbauten zur Verkleinerung der Wohngruppen oder Pilotprojekte wie „Primary Nur­sing", die große persönliche Zuwen­dung in der Betreuung ermöglichen.
Selbständigkeit erhalten
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Dagmar Augenstein kommt jeden Morgen in die Tagespflege im Haus St. Josef. Die 65-Jährige hat es nicht weit: seitdem sich vor einem Jahr ihre Symptome massiv verstärkt haben, lebt sie im Wohnen mit Service im Haus. Bis dahin hatte sie in einer Mit­telschule und in der Kinderkrebsstation eines Krankenhauses unterrichtet.
Zuerst versuchte sie sich selber zu helfen. Sie besuchte Neurologen, Psy­chologen und verschiedene Beratungs­stellen, bis ihr Bruder auf die Mit­arbeiterInnen der Tagespflege zukam. Von ihnen erhoffte er sich Hilfe dabei, aus der verwirrenden Vielfalt der Möglichkeiten die passenden Maß­nahmen für seine Schwester heraus­zufinden.
 
Die Tagespflege eröffnete vor etwa einem Jahr ihre Türen für Menschen, die tagsüber Betreuung benötigen. Der­zeit sind es 33 Tagesgäste, die hier ein kurzweiliges Umfeld finden, das ihre vorhandenen Fähigkeiten fördert, so­wie bei Bedarf pflegerische Unterstüt­zung. Doch nicht nur das. Die Angehörigen erhalten vom Tagespfle­ge-Team Ratschläge für die Alltags­gestaltung zu Hause und Tipps für Krisensituationen. Zudem werden hel­fende Partner für den häuslichen All­tag vermittelt, z.B. die geronto-psychiatrische Hilfe des Alten- und Service-Zentrums im Stadtteil.
Selber machen heißt die Devise in der Tagespflege. Etwa bei der gemein­samen Herstellung von Naturkos­metik, wo persönliche Erinnerungen und Vorlieben ausgetauscht werden. „Wichtig ist uns, dass sich unsere Gäs­te wohlfühlen und am Ende des Tages mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas geschafft zu haben", erklärt der Leiter der Tagespflege Helge Gruner.
Biografische Bezüge bieten Halt und Orientierung
Dabei spielt die Biografie der einzel­nen eine sehr große Rolle. Denn Ge­wohnheiten oder familiäre Rituale, die in der prägenden frühen Kindheit er­lernt wurden, geben einem demenziell Erkrankten im Heute Halt und Orien­tierung. Die MitarbeiterInnen der Ta­gespflege helfen auch dabei, den All­tag zu strukturieren. Beispielsweise Dagmar Augenstein. Ihr Langzeitge­dächtnis funktioniert zwar gut, aber die Orientierung im Alltag fällt ihr schwer. „Wir haben zusammen einen Stundenplan angelegt. Wir trainieren auch ihren Orientierungssinn, indem wir immer wieder alltägliche Wege, z.B. zur Cafeteria, gemeinsam durch­gehen", erzählt Helge Gruner.
Zudem werden hier ihre Termine bei Ärzten, Ergotherapeuten oder mit ih­rer Freundin koordiniert, einer Ärztin, die sie in medizinischen Fragen berät. Beim zusätzlichen Gedächtnistraining wird die Situation im Schulunterricht einbezogen, denn darin kann sich die ehemalige Lehrerin gut orientieren. „Ich finde es gut, dass wir Schüler hier Vorschläge machen, unsere Meinung und Kritik äußern können! Das habe ich in meinem Unterricht auch immer so gehalten", erinnert sie sich.
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Die zehn BewohnerInnen der Hausge­meinschaft im Haus an der Rümannstraße sind alle körperlich fit, konn­ten aber ihr Leben zu Hause nicht mehr selbständig gestalten. So wie Iris Grossmann-Doerth, sie lebt seit einem Jahr hier. Der Alltag wird vor allem durch gemeinsame Aktivitäten ge­prägt, vom Singen bis zum regelmäßi­gen Kochen. „Für Bewohnerinnen wie Iris Grossmann-Doerth ist das ideal, denn sie vergisst Tageszeiten und Mahlzeiten. Als sie zu uns kam, hatte sie dadurch bereits sehr abgenom­men", erinnert sich Roswitha Stöhr. Sie gehört zum Betreuungs-Team, das aus drei Fachkräften und einer Pflege­helferin besteht.
In Gemeinschaft eine vertraute Struktur finden
Abwechselnd wird beim Tisch­decken, Kartoffelschälen oder Abtrocknen geholfen. Da ist auch Iris Grossmann-Doerth immer wieder dabei. Die vertrauten Tätigkeiten rufen nicht nur Erinnerungen wach, sie dienen auch dem Erhalt der Fertigkeiten. „Es ent­stehen auch Freundschaften, dann hilft man sich gegenseitig, soweit es geht", beschreibt Roswitha Stöhr das Leben in der Gruppe. Das Essen, appe­titlich in Terrinen und Schüsseln an­gerichtet, wird dann in familiärer Runde genossen. Das riecht und schmeckt nicht nur gut, das ist fast wie früher zu Hause.
Iris Grossmann-Doerth hat eine Lieblingsspeise: „Ich liebe Suppen, die sind hier sehr lecker", meint die 89-Jährige schalkhaft. Wenn dann der Ab­wasch erledigt ist oder Kaffee und Ku­chen gereicht wurden, eilt sie rasch wieder zurück zu ihren geliebten Büchern. Sie stehen in den Regalen im Zimmer der ehemaligen Bibliotheka­rin. Zum Lesen braucht sie Ruhe in ihrem behaglich eingerichteten Zim­mer. Dann und wann ist sie aber auch gerne beim Gedächtnistraining oder bei Geschicklichkeitsspielen mit ei­nem Ball dabei. Auch den Kräutertag hat sie genossen und versucht, Kräu­ter am Duft und ihrer Form zu erken­nen – so wie früher zusammen mit ihrem Großvater.
Fotos: Barbara Donaubauer