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Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Dem Leben Farbe geben

Trotz eines Schicksalsschlags oder einer schweren Krank­heit nicht die Freude am Leben verlieren – wie das geht, erzählen zwei BewohnerInnen der MÜNCHENSTIFT.
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Karin Berlin war 16 Jahre alt, als sie ihren Ehemann ken­nenlernte. Zusammen mit ihren Geschwistern hatte es die gebürtige Berlinerin in den Wirren des 2. Weltkrieges nach Bayern ver­schlagen. Sie besuchte das Sprachen & Dolmetscher Institut und arbeitete anschließend bei der Britischen Kin­derhilfe. Sie heiratete und schon bald wurde der erste Sohn geboren. Danach blieb sie zu Hause, übernahm aber wei­ter Übersetzungen. Es folgten glück­liche Jahre, in denen ihr zweiter Sohn zur Welt kam.
Sie war 40 Jahre alt, als das Unfassba­re geschah: Ihr älterer Sohn, ein musi­kalisch begabter 17-Jähriger, erkrankte an Lymphdrüsenkrebs. „Er war jung und der Krebs aggressiv, daher ist es schnell zu Ende gegangen", erinnert sie sich an die traumatische Zeit. Ohne die professionelle Hilfe, die sie sich damals holte, wäre ihre Ehe an diesem Schicksalsschlag zerbrochen. Nur zehn Jahre später starb auch ihr Mann an Krebs. „Nach 32 Jahren Ehe fiel mir das Alleinleben nicht leicht", beschreibt sie ihre damalige Lebenssituation.
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Seit vier Jahren lebt die inzwischen 80-Jährige im Wohnen mit Service im Haus an der Rümannstraße. Zum Mit­tagessen geht sie in die Cafeteria, das Frühstück und Abendessen bereitet sie sich selber zu. Dort hat sie auch endlich ihren lang gehegten Traum von einem rosafarbenen Bad verwirklicht. „Ich bereue meinen Ent­schluss bisher nicht eine Sekunde lang. Ich bin unabhängig, aber bei ge­sundheitlichen Problemen trotzdem gut versorgt", erklärt sie zufrieden.
 
Sich für andere einsetzen 
Nach dem Tod ihres Sohnes gründete Karin Berlin zusammen mit zwei wei­teren Müttern den Verein „Verwaiste Eltern". Zunächst ging es um die Be­wältigung der eigenen Trauer: „Der Kontakt zu Menschen, die das Gleiche erlebt haben, tat gut, ihnen musste ich nichts erklären." Doch es war mehr als das: „Mein Sohn hat mir eine Aufgabe hinterlassen", erklärt sie ihr Bedürfnis, anderen Betroffenen zu helfen. Ein Patentrezept gibt es dabei nicht, weiß die 80-Jährige: „Jeder geht mit so ei­nem Schicksalsschlag anders um."
Bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Haus an der Rümannstraße, die sie bereits drei Jahre vor ihrem Einzug be­gann, lernte sie BewohnerInnen ken­nen, die ebenfalls ein Kind verloren haben. Doch nicht nur diese besucht sie heute regelmäßig, sondern auch Bewohnerinnen ohne Angehörige. Auf eines muss sie dabei achten: „Zu viel aufladen darf ich mir nicht, sonst rut­sche ich in eine Depression." Trotz al­lem hat sich Karin Berlin eine positive Lebenseinstellung bewahrt. Dabei hal­fen ihr auch ihre Hobbys. Sie malt und korrespondiert mit selbst gestalteten Postkarten mit verwaisten Müttern – sogar bis nach England und Australi­en. Auch an den Qigong-Stunden der MVHS im Haus nimmt sie teil und be­sucht Konzerte.
Bei Spaziergängen durch den schö­nen Park rund um das Haus kommt sie zur Ruhe: „Am kleinen Teich beobach­te ich manchmal Enten und ihre Jun­gen oder ich treffe auf BewohnerIn­nen, die ich hier kennengelernt habe." Sie genießt die Kontakte und ist froh, dass sie sich in ihre eigenen vier Wän­de zurückziehen kann, wenn sie das Bedürfnis hat. Eine gute Freundin lebt inzwischen   hier   und   ihre ältere Schwester plant ebenfalls einzuzie­hen. Um mit ihrem jüngeren Sohn und den Enkeln in Kontakt zu bleiben nutzt sie moderne Technik, obwohl sie sich zuerst dagegen gewehrt hat: „Seit­dem ist der Kontakt viel intensiver, ich schaue gleich am Morgen in mein Tab­let, ob sie mir etwas geschickt haben", erklärt sie lachend.
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In Bewegung bleiben
Hans-Jürgen Kranz war schon immer gerne zu Fuß unter­wegs. Bis er einen Schlagan­fall erlitt. Danach konnte er die Treppen zu seiner Wohnung im vierten Stock nicht mehr hinaufstei­gen und sich auch nicht mehr selbst­ständig versorgen. Er musste sich neu orientieren und zog vor zwei Jahren in das Haus Heilig Geist ein. Dort übte er das Gehen mit einem Rollator, ohne den er sich anfangs nicht fortbewegen konnte. Unermüdlich lief er damit durch die weitläufigen Gänge und den begrünten Innenhof des historischen Gebäudes, das unter Denkmalschutz steht und vor 10 Jahren aufwändig modernisiert wurde.
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Er fühlt sich wohl in seinem neuen Zuhause. „Ein sehr schöner Altbau und eine gelungene Sanierung", urteilt der ehemalige Architekt mit den Augen eines Fachmanns. Am Morgen in­formiert er sich beim Zeitunglesen darüber, was in der Welt los ist. Nach­mittags zieht es ihn in die Cafeteria, wo er einen Schoppen Weißwein ge­nießt. „Im Sommer sitze ich dazu an einem der Tische im Innenhof", freut sich Hans-Jürgen Kranz. In Haus ist er ziemlich bekannt. So mancher ruft ihm einen Gruß zu, wenn er un­terwegs ist. Kein Wunder, wurde der 83-Jährige doch im März zu einem der BewohnervertreterInnen gewählt.
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Bei den wöchentlichen Treffen der Männerrunde fehlt er fast nie und nimmt oft an weiteren Aktivitäten teil. Wie etwa bei der Modenschau, bei der BewohnerInnen unter dem Motto „Frühlingsleuchten" handgearbeitete Mode-Kreationen zu Livemusik vor­stellten. Auch bei einer einwöchigen Reise von BewohnerInnen und ihren Pflegekräften an den Ammersee war er voller Begeisterung dabei. Eine andere Reise steht noch auf seinem Wunsch­zettel: Er möchte den DDR-Grenzort in der Nähe von Wolfsburg besuchen, von dem aus er als 16-Jähriger in den Westen floh. „Meine Neffen leben noch in Wolfsburg. Vielleicht kann ich mit ihnen zusammen noch einmal hinfahren, auch wenn ich wahrschein­lich nicht mehr viel wiedererkenne", äußert er nachdenklich.
Durch das unermüdliche Gehen ist Hans-Jürgen Kranz inzwischen wieder so sicher zu Fuß, dass er ohne Rollator auskommt. Das hat seinen Aktionsra­dius vergrößert: Wann immer mög­lich, spaziert er durch das Stadtviertel. Seine Lieblingsroute führt ihn zum Rotkreuzplatz, wo er im Jagdschlössl einkehrt. „Früher dachte ich, dass es vor allem in Schwabing diese besonde­re Mischung aus Kneipen und Ge­schäften gibt, aber am Rotkreuzplatz gefällt es mir genauso gut", schwärmt er gutgelaunt.
Fotos: Daniel Simon