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Wohnen & Pflege

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

(Wieder) mitten im Leben

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Körperlich und geistig mobil zu bleiben, ist eine Voraussetzung für Selbständigkeit und Wohlbefinden im Alter. Gefördert wird dies bei der MÜNCHENSTIFT auf sehr vielfältige Weise, doch besonders wirksam ist Kinaesthetics.
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Wenn bei Hausfesten Rikschas vorfahren, holen sie nicht mehr mobile BewohnerInnen zu einer Spritztour durch das Stadtviertel ab. Organisiert werden die Rikschatermine von den EhrenamtskoordinatorInnen der Häuser. Das Pilotprojekt ist Teil der Anstrengungen der MÜNCHENSTIFT, SeniorInnen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu mehr Beweglichkeit und Lebensqualität zu verhelfen. Auch die Hausprogramme in Kooperation mit Institutionen im Stadtteil gehören dazu oder die Angebote der Münchner Volkshochschule, die im Herbst ihren dritten Standort in einem MÜNCHENSTIFT-Haus eröffnet. Ebenso werden im Pflegealltag mit Kinaesthetics neue Wege beschritten.
Selbstständigkeit fördern 
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Als Walter Rohrhofer vor eineinhalb Jahren im Hans-Sieber-Haus einzog, hätte niemand gedacht, dass er wieder mobil würde. Von Schmerzen geplagt und bettlägerig, konnte er sich nach einer Knie-OP kaum bewegen. Heute macht sich der 77-Jährige mit dem Rollator auf in den Biergarten oder fährt mit dem Bus zum Einkaufen. Er hat seine Beweglichkeit durch eine besondere Förderung zurückgewonnen. Zunächst bekam er in Absprache mit dem Hausarzt Krankengymnastik. Dann nutzte die Wohnbereichsleiterin ihr Wissen in Kinaesthetics: „Jeder hat Ressourcen, an die man anknüpfen kann. Daraus lassen sich neue Bewegungsmuster entwickeln. Anstatt Pflegebedürftige durch zu viel Hilfe zu blockieren und hilflos zu machen, wird dabei ihre Eigeninitiative gefördert", beschreibt Renata Lasic den Ansatz der Methode.
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Sie selbst absolvierte vor fünf Jahren ihren ersten Kinaesthetics-Kurs. Ein Vertiefungs- und ein Peer Tutoren Kurs ermöglichen es ihr jetzt, ihr Wissen an ihre KollegInnen weiterzugeben. Obwohl die Methode einfach und logisch aufgebaut ist, verlangt sie ein völliges Umdenken von den Pflegekräften. Doch das Ergebnis motiviert. Denn selbst bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz ist eine Veränderung möglich. „Sie können durch tägliche Impulse so angeregt werden, dass sie wieder selbstständig essen", erzählt Renata Lasic strahlend. Doch nicht nur im Hans-Sieber-Haus kommt Kinaesthetics zum Einsatz, auch im Haus an der Effnerstraße und im Haus Heilig Geist wird die Methode derzeit eingeführt. Die Kinaethetics-Trainerin Silke Reichert und Ute Becker, Fachreferentin für Mobilität bei der MÜNCHENSTIFT, begleiten die Häuser dabei. „Der Kern von Kinaesthetics ist die Idee, anderen Menschen nicht defizitorientiert, sondern human und respektvoll gegenüberzutreten", erklärt die Expertin. Der Erfolg gibt ihr Recht. Deshalb soll die Methode in allen Häusern zum Alltag werden.
Vorhandene Ressourcen nutzen
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Vor einem Jahr, als ihre Multiple-Sklerose-Beschwerden zunahmen, zog Erika Reichstein in das Haus an der Effnerstraße. Ihre gesamte linke Seite war vollständig gelähmt. Versuchte man sie aufzusetzen, versteifte sich die 85-Jährige ängstlich. Sanja Cajic suchte nach einer Möglichkeit, diesen angstbedingten Reflex zu überwinden. Vor sechs Monaten begann die Wohnbereichsleiterin verschiedene Bewegungsmuster auszuprobieren und einzuüben. Am Anfang steht immer die Kontaktaufnahme: „Erst nachdem ich mit Frau Reichstein im Gespräch bin, fange ich mit ihrer Hilfe an, das noch bewegliche, aber nicht genutzte Bein aufzustellen", beschreibt sie ihr Vorgehen in mehreren Schritten. „Am Ende umfasse ich ihren Oberkörper, um ihr einen festen Halt für das Aufrichten zu geben. Durch gemeinsames Hochschaukeln kommt sie dann in die Sitzposition." Diesen gemeinsam entwickelten Bewegungsablauf übten sie so lange, bis er selbstverständlich war. „Es ist wichtig, dabei im Gespräch zu bleiben, dann hilft Frau Reichstein mit. Ich sehe an ihrem Lächeln, wie gut es ihr tut", freut sie sich.
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Sanja Cajic hat den Grund- und Aufbaukurs hinter sich und startet bald die Tutorenfortbildung: „Kinaesthetics ist eine Revolution in der Pflege, die Menschen und ihre Beziehungen stehen im Mittelpunkt", begeistert sie sich. Gleich nach dem Einzug neuer BewohnerInnen werden ihre Bewegungsmuster festgehalten und ihre Entwicklung laufend beobachtet. Dabei hat sie in den Fortbildungen gelernt, dass es wichtig ist, auch die kleinsten Bewegungen im Sitzen, Stehen und Liegen wahrzunehmen. Dort konnte sie auch in Übungen die Bewohnerperspektive einnehmen: „Zu spüren, wie es ist, bewegungslos zu sein, erhöht die Sensibilität", erinnert sie sich.
Wieder ins Leben holen
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Endira Avdic leitet im Haus Heilig Geist einen Wohnbereich mit einer Pflegeoase für stark demenziell Erkrankte. Sie kannte Kinaesthetics, noch bevor es im Haus verbindlich eingeführt wurde: „Ich beschäftigte mich schon vor 20 Jahren damit", erzählt sie. Im August berichtet sie auf einer Fachtagung, wie sie die Methode bei demenziell Erkrankten anwendet. Viele von ihnen können sich nicht mehr verbal äußern. So geht es neben der körperlichen Mobilisierung auch darum, ihr Gefühl zu stärken, verstanden und angenommen zu werden: „Deshalb sind Nähe und Berührung in der Pflegeoase so wichtig,", weiß die Wohnbereichsleiterin. Die Fachkräfte tasten zuerst die großen Gelenke ab, gehen danach zu den kleineren über, um aufzuspüren, an welchen Stellen Mobilitätsressourcen vorhanden sind. Dann erst fangen sie an, gezielt kleine Bewegungen auszuführen.
„Vor 20 Jahren ging es bei Kinaesthetics vor allem um rückenschonendes Arbeiten. Heute ist es über die reine Bewegungsmethode hinaus zu einer Lebenseinstellung geworden", beschreibt die erfahrene Pflegefachkraft die Entwicklung. So wird auf die Lage der Betten im Raum geachtet oder auf die Befindlichkeit der BewohnerInnen und davon abhängig wird die Sitzposition variiert. Denn stimmt die Sitzposition, entspannt sich der Oberkörper und die Hände können sich frei bewegen, um einen Löffel zu halten oder zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Welche Auswirkungen das nicht nur auf die BewohnerInnen hat, erlebte Endira Avdic erst kürzlich. „Als der Sohn einer Bewohnerin bemerkte, dass es seiner Mutter besser geht, holte er sich bei uns Anregungen, sie zu unterstützen, wenn er zu Besuch ist", strahlt sie.
Fotos: Barbara Donaubauer, Maren Willkomm, MÜNCHENSTIFT