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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Konstantin Wecker - ein weiser Narr

Konstantin Wecker setzt sich in seinem Buch „Mönch und Krieger" mit der Vergänglichkeit auseinander. Monica Fauss hat sich mit dem Münchner Liedermacher und Autor über die Kunst des Älterwerdens unterhalten.
Portrait Konstantin Wecker
Sie sind in München aufgewachsen. Was hat Ihre Kindheit in der Stadt ganz besonders geprägt?
Die Isar! Ich wuchs im Lehel auf und mein ganzes Universum bestand aus der Lukaskirche, der Praterinsel und dem vorbeifließenden Fluss, in dem ich als Vierjähriger schwimmen lernte. Meine heutige Philosophie wäre an­ders, wenn ich die Isar nicht gehabt hät­te. Sie ist das Symbol für mein Leben.
 
Sie beschreiben, dass einige Begegnungen mit dem Tod bei Ihnen entscheidende Einsichten und Brüche bewirkten. Was ist passiert?
Der Tod meiner Mutter vor neun Jah­ren änderte sehr drastisch meine Weltsicht. Er machte mir die Vergänglich­keit bewusst, und dass man an nichts festhalten soll. Das muss man aber erst lernen! Nach dem Tod beider El­tern wurde mir klar, dass einen nie­mand mehr so bedingungslos lieben wird wie sie. Mein Vater ist für mich auch das schönste Lehrbeispiel für die Kunst des Scheiterns. Er war eigent­lich Tenor, übte seinen Beruf aber nicht aus, sondern wurde Philosoph. Durch ihn und auch durch die „kleinen Tode" meiner Drogen- und Gefängnis­erfahrungen lernte ich, mich auf mich selbst zu besinnen. Nie wieder emp­fand ich mich so befreit von den Zwängen unserer Gesellschaft, wie in meiner Zeit im Gefängnis. Ich versuche bei meinen Lesungen, auch in Ge­fängnissen, zu vermitteln, dass Freiheit nicht ortsgebunden, sondern vor allem im eigenen Innern zu finden ist.
 
In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass mit dem Älterwerden die Arbeit beginnt, das Paradies der Kindheit wiederzufinden. Was meinen Sie damit?
Ich sang als Kind mit meinem Vater zusammen Duette aus italienischen Opern und fühlte mich dabei sehr auf­gehoben. Rückschauend würde ich es als spirituelles Einssein beschreiben. Unbefangenheit und das Gefühl der Unsterblichkeit sind das Paradies der Kindheit. Bei meinen eigenen Kindern habe ich gesehen, dass sie den Tod als nichts Erschreckendes empfinden und sehr gelassen damit umgehen. Erst später wird einem die eigene Vergäng­lichkeit bewusst. Wenn dann mit dem Älterwerden schließlich diverse Pro­bleme dazu kommen, kann eine Qua­lität entstehen, die ich in einem Gedicht beschrieben habe: „Jeder Au­genblick ist ewig, wenn du ihn zu neh­men weißt."
 
Wie sehen Sie sich denn selbst als älteren Menschen?
Ich möchte lieber ein alter Narr sein als ein aufgeblasener, rechthaberischer alter Mann. Selbstreflexion und Eigen­verantwortlichkeit sind mir enorm wichtig. Der Narr erlebt vieles im Sin­ne von Goethes „Es gibt keine Schandtat, die ich nicht auch hätte begehen können". Das bedeutet zu er­kennen, dass alles, was man in der Ju­gend bei anderen verurteilte, auch in einem selbst wohnt. Einen Narren macht auch aus, dass er nicht verbis­sen an Weltbildern hängt, sondern eine weitere Sicht des Ganzen hat.
 
Sie haben sich dazu geäußert, dass eine Kunst des Sterbens entwickelt werden müsste...
Ja, die haben wir nicht, da der Tod nicht wirtschaftlich verwertbar ist. Der Kapitalismus braucht Kranke, weil man diesen viel verkaufen kann, aber nicht Sterbende. Es geht nicht an, dass es in München nur ein paar Hun­dert Hospizplätze für eine Million Menschen gibt. Doch der Umgang mit dem Thema ist nicht einfach: Zehn Jahre vor dem Tod meiner Mama, die in einem Hospiz starb, lud mich ein Hospizmitarbeiter ein. Meine erste Re­aktion war damals Ablehnung. Dieser Mensch war aber Gott sei Dank sehr hartnäckig und es wurde ein großarti­ges Erlebnis. Vor kurzem sprach mich eine Hospizmitarbeiterin auf einer Tournee an: Eine Frau, die sie betreu­te, hatte eine Karte für mein Konzert, konnte aber nicht mehr kommen. Ich bin vor dem Konzert zu ihr ins Hospiz, nahm sie in den Arm und sang ihr et­was vor. Sie schlief am Tag darauf friedlich ein. Das ist ein Erlebnis, das einen sehr erdet und dabei hilft, in dem Konzertbetrieb nicht abzuheben.
 
Sie waren schon immer politisch engagiert. Wie stehen Sie heute dazu?
Politisches Engagement sollte mit einer neuen Spiritualität gekoppelt sein und zu einem humanistischen Engagement werden. Politik sollte nicht der Profit­gier dienen. Sie sollte Dinge befördern, die zu kurz kommen, weil sie als unnütz angesehen werden, wie z.B. die Kunst. Es ist heute schwer, Ideale hoch­zuhalten, wenn du in einer Partei auf­steigen willst. Als Künstler kann ich Anstöße geben. Mir geht es um das Zu­sammenbringen von Tun und Infrage­stellen. Vielleicht ist es sinnvoll, mit kleinen, sich vernetzenden Gruppen eine Revolution zu bewirken – als Pazi­fist meine ich damit eine Revolution des Bewusstseins. Ich vertraue Dichtern mehr als Ideologien und politischen Vorstellungen. Es gibt keine perfekten Weltbilder und Vorstellungen, die an­deren übergestülpt werden müssen. Dichtung ist niemals eindeutig und ver­ändert sich mit dem Leser. Das ist wie in der Mystik, die Gott nicht auf Gesetzes­tafeln, sondern in sich selbst sucht.

Buch und Konzert

Konstantin Wecker: Mönch und Krieger Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro
 
Konzert „Poesie und Widerstand“, 10.9.2017 Legau, 

Solokonzert am Flügel, 29.9.2017, Starnberg
Foto: Daniel Simon