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Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Ich habe leider nie gefragt

Als eine der jüngsten Auschwitz-Überlebenden erzählt Dr. Eva Umlauf (76) in ihrem Buch, wie sie sich auf Spurensuche begibt, um das Schweigen über diese schwere Zeit zu durchbrechen. Als Kinderärztin und Psychotherapeutin beschäftigt sie sich damit, wie Traumata von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Eva Umlauf
Sie erzählen in Ihrem Buch vom Nichtreden: Was war der Auslöser, es zu durchbrechen?
In unserer Familie gab es ein unausgesprochenes Frageverbot. Ausschlaggebend für meine Spurensuche war mein Herzinfarkt vor fünf Jahren. Mir wurde klar dass ich die letzte bin, die das Erlebte aufschreiben kann. Das hatte ich schon lange vor, aber mit den drei Kindern und der Arztpraxis war ich nie dazu gekommen. Man braucht aber auch eine innere Reife, die erst mit den Jahren entsteht. Ich begann zu recherchieren und mit meinen Kindern zu sprechen. Das hat viel in Bewegung gesetzt.

Wie verlief der Recherche- und Schreibprozess?
Als erstes suchte ich alte Notizen mit Gedankenfetzen heraus. Dann begab ich mich auf die Suche nach den Menschen, die mit uns zwei Jahre lang im slowakischen Arbeitslager Noväky zusammen waren und überlebt hatten. Rund 80 Kinder waren mit mir im Auschwitz-Transport. Einige kontaktierte ich, z. B. Marta, die zehn Jahre älter war als ich, sodass sie sich erinnern konnte. Vor allem das Schreiben war eine sehr große emotionale Belastung. Man hat nicht 6 Millionen, sondern Einzelschicksale vor sich. Ich wachte eine Zeit lang jede Nacht schweißgebadet auf und wurde dann auch krank. Dazwischen dachte ich, ich muss aufhören.

Sie schreiben von „Gefühlserbschaft": Was verstehen Sie darunter?
Schon Freud sprach davon, warum man vererbt, wenn man nicht darüber spricht. Ich kenne viele Menschen, die nie sprachen, die tagsüber funktionierten und erfolgreich waren, nachts aber weinten. Im Alter kam dann alles hoch, da die inneren Abwehrkräfte nachließen. Viele Jüngere fragen, warum die Menschen nicht sprachen, doch es gibt erst seit kurzem Therapien mit Älteren, auch mit Dementen oder im Hospiz. Zu mir in die Praxis kommen immer wieder Menschen mit unterschiedlichen Symptomen. Wenn wir tiefer nachgraben, stellt sich heraus, dass vieles davon Folgen der NS-Zeit sind. Obwohl man unterscheiden muss, wer für die Grausamkeiten verantwortlich war, sind die Folgen für alle die gleichen, die ganze Gesellschaft ist davon betroffen.

Welche Anliegen haben Sie?
Ich habe versucht, die Kette der Weitergabe von Generation zu Generation zu durchbrechen, indem ich es niederschrieb und z.B. in Schulen darüber rede. Es ist aber kein Buch über Auschwitz, denn ich bin keine Zeitzeugin. Ich bin eine Zeitenzeugin, die beschreibt, wie diese Zeit sie beeinflusst hat, auch der Kommunismus in der Slowakei und die Zeit in Deutschland seit den I960ern. Ich habe das Buch für junge Leute geschrieben, denn sie müssen wissen, was passiert ist. Sie sollen sich nicht schuldig fühlen, sondern verhindern lernen, dass es sich wiederholt.

Buch-Tipp

Eva Umlauf und Stefanie Oswalt: Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen: Erinnerungen. Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-50370-8, 288 Seiten, 22 Euro.
ET: März 2019
Foto: Barbara Donaubauer