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Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

PORTRÄT Jutta Speidel

Nicht Kategorien, sondern Menschen

Für ihr Engagement für obdachlose Kinder und ihre Familien erhielt Jutta Speidel viele Preise und Ehrungen. Die Schauspielerin, die dieses Jahr 65 Jahre alt wurde, erzählt, wie sich ihre Initiative HORIZONT entwickelte und was sie motiviert.
 
Was war 1997 der Auslöser für die Gründung?
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Ich habe mich schon früher für soziale Initiativen eingesetzt, doch das Geldsammeln ohne engeren Bezug dazu war mir zu wenig. Dann bin ich auf einen Artikel in einer der ersten Ausgaben der Zeitschrift BISS gestoßen, der über obdachlose Kinder in München berichtete. Ich war berührt und fassungslos, schließlich sah man sie ja nirgends.  Hinzu kam dann ein Erlebnis in einer Pension in Schwabing, in der wir für einen Film geschminkt wurden. Da waren wohnungslose Familien zu mehreren in Einzelzimmern untergebracht, unter ganz unangemessenen Bedingungen. Dann habe ich in ganz Deutschland recherchiert und mit Freundinnen und meiner Mutter einen Verein gegründet. Wir waren schon damals überzeugt, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz mit Therapie, Bildung und Alltagsbegleitung wohnungslosen Müttern wirklich hilft.
Sie haben letztes Jahr ein zweites HORIZONT-Haus eröffnet, wie ist die aktuelle Situation?
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Insgesamt haben wir seit unserer Gründung rund 2.300 Frauen und Kindern geholfen und mittlerweile 40 Angestellte in beiden Häusern. Im ersten Haus haben wir 24 geschützte Wohnungen für traumatisierte Frauen und Kinder, die aufgefangen, therapiert und intensiv begleitet werden, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen können. Weil viele aber auch danach keine Wohnung auf dem regulären Mietmarkt finden, haben wir das zweite Haus gebaut. Hier wohnen jetzt 48 Familien dauerhaft. Wir erarbeiten mit ihnen, wie sie ihr Leben und ihre Arbeit gestalten können und unterstützen sie dabei, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sisi z. B. kommt aus Burkina Faso und ist gelernte Schneiderin (siehe Foto). Im ersten Haus war sie mit ihren Kindern mehrere Jahre engmaschig betreut worden. Sie hat Deutsch gelernt und sich eine neue Perspektive entwickelt. Mittlerweile ist sie zentraler Bestandteil unseres HORIZONT-Nähprojekts und hat eine wunderbare eigene Kollektion geschaffen. Der nächste Schritt ist vielleicht ein eigenes Gewerbe und eine Nähstube im Stadtteil. Hier am Bauhausplatz haben wir die Vorgabe, auch etwas für die Nachbarschaft zu machen. Es gibt bei uns viele Werkstätten, einen Garten und eine Kita sowie ein Restaurant und eine Kulturbühne mit laufendem Programm. und jeder ist herzlich willkommen.
Welche waren Ihre größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung war, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es in Deutschland obdachlose Kinder gab, nicht nur in Flüchtlingsfamilien, sondern quer durch alle Schichten – vom Bauarbeiter bis zum Akademiker. Am Anfang steht meistens, dass Männer ihre Frauen misshandelt haben. Vor allem von Männern wurde ich angegriffen, aber ich blieb hartnäckig und habe mich auch weiter für das Thema eingesetzt.
Was hat Ihnen am meisten geholfen?
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Die Solidarität der Menschen. Mir passiert ganz oft, dass mich jemand anspricht und mir einen Geldschein in die Hand drückt. Dieses Vertrauen, die Anerkennung und der Respekt helfen mir sehr weiter zu machen. Wir haben uns in den letzten 23 Jahren permanent weiterentwickelt. Das Betreiben unserer wachsenden Institution für Wohnen und Betreuung rund um die Uhr ist äußerst aufwändig. Wir sind fast ausschließlich aus Spenden finanziert, von Privatpersonen, Unternehmen und Stiftungen. Wir erhalten auch Erbschaften und Schenkungen, die es uns möglich machen, das Konzept weiter auszubauen. Gerade planen wir den Bau eines dritten HORIZONT-Hauses auf einem Gelände, das HORIZONT geerbt hat. Wir haben den Anspruch transparent zu sein, jeder kann sich das Leben und Arbeiten hier persönlich anschauen. Auch mich kann man persönlich kennenlernen, ich schwebe nicht oben und bin unantastbar, sondern bin Inventar der Stadt.
Wie schaut Ihr Tag aus, gibt es überhaupt noch Zeit für Schauspielerei und Familie?
Als meine Töchter das Abitur gemacht haben und HORIZONT erwachsen war, habe ich mit der Serie „Um Himmels willen“ aufgehört und an auswärtigen Drehorten gedreht. Ganz heilig ist mir der Donnerstagnachmittag mit meinem Enkel. Ich bin Meisterin der Selbstorganisation, lebe aber auch gerne im Hier und Jetzt und packe an, was eben ansteht. Heute werde ich noch meinen Kofferraum auspacken mit Stoffen zum Nähen für Sisi. Danach fahre ich Heim und mache Marmelade. Ich habe einen über 90-jährigen Nachbarn, der seine Johannisbeeren nicht mehr selber ernten kann, die habe ich gestern früh um Sieben gepflückt, gestern Abend zum Teil entsaftet. Heute kommt die Marmelade dran.
Haben Ältere eine besondere Aufgabe in unserer Gesellschaft?
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Man muss nicht traurig sein, dass man älter wird, sondern diese Zeit nutzen. Die jetzige Generation Älterer hat in Frieden und Wohlstand gelebt, hat eine Altersvorsorge und lebt gesund. Wir müssen dieses unglaubliche Glück weitergeben und Gutes tun. Es hat sich viel getan, Millionen Älterer sind in Ehrenämtern tätig. Doch leider hat sich auch ein Denken in Kategorien entwickelt – „Alte“, „Schwule“, „Lesben“, „Ausländer“… Alter ist aber nichts Besonderes, sondern ein normaler Teil des Lebens und der Gesellschaft. Wir sind zuallererst Menschen und sollten auch kein Sonderrolle beanspruchen. Wir sollten miteinander leben und froh sein, dass wir lange in einer offenen demokratischen Gesellschaft leben dürfen, und uns dafür einsetzen. Das machen wir auch in unseren Häusern: Wenn z. B. in einem Stockwerk Frauen mit vier unterschiedlichen Kulturen wohnen, gehen wir das direkt im Gespräch an, regen an, dass sie von sich und ihren Kulturen erzählen. Irgendwann fangen sie an, sich gegenseitig zum Essen einzuladen oder zu helfen.
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ET: September 2019
Fotos: Barbara Donaubauer