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Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Anpacken

Ob Zölibat, Homoehe oder Ökumene: Rainer Maria Schießler nimmt kein Blatt vor den Mund. Der 58-jährige Gemeindepfarrer im Glockenbachviertel ruft zu einem radikalen Wandel auf – nicht nur in der Kirche.
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Welche sind Ihre Anliegen?
Es ist mir wichtig, nicht nur Phrasen zu dreschen, sondern tätig zu werden. Deshalb spielt sich das Leben meiner Pfarrei draußen im Viertel ab und nicht in den Verwaltungsräumen. Die Folgen von immer mehr Leis­tung und Schnelligkeit zeigen sich überall, sei es beim Immobilienwahnsinn, beim Klimawandel oder dass immer mehr Menschen ein Burn-out erleben. Wir haben uns zu sehr an diese Zustände gewöhnt. Es braucht dringend einen Bewusstseins­wandel und Mut zu Veränderung.

Was ist nötig für diesen Wandel?
Wir sollten für jeden Augenblick im Leben dankbar sein. Das „Alles gehört mir", das sich auch in der Flüchtlingsfrage zeigt, ist falsch. Uns gehört nichts und wir gehen mit nichts aus dem Leben. Doch wir sollten aus den Talenten, die wir geschenkt bekommen haben, etwas ma­chen. Um das jungen Menschen nahezubringen, schreibe ich Bücher, mache Kinderliturgien und sage ihnen über verschie­denste Medien: Nützt das Leben, lasst euch nicht unter­kriegen. Aber bleibt demütig, wenn euch etwas gelingt.

Was bedeutet das für ältere Menschen?
Ich finde es toll, wenn Ältere umtriebig sind und Leben in ihre Tage bringen. Vor kurzem traf ich eine 90-Jährige, die bei den Protesten gegen Wackersdorf dabei war. Warum sollte sie im Alter nicht mehr aktiv sein kön­nen – natürlich anders als in jungen Jahren. Es gibt doch keine Deadline, ab der man auf den Tod wartet! Viele Menschen fürchten sich vor dem Sterben, weil sie nicht sinnerfüllt gelebt haben. Aber nur so können wir loslassen. Außerdem braucht es Generationen, die sich gegen­seitig umsorgen. Das zeigte auch ein gescheiterter Versuch in einer Benediktinerabtei, bei dem ein Jahr lang nur junge Mönche zusammenlebten. Niemand musste anderen helfen, doch das ist unabdingbar für eine gesunde Gesellschaft.

Woher kommt Ihre Kraft anzupacken?
Als ich geboren wurde, war meine Mutter 45 Jahre alt. Es war ihre zweite Ehe. Sie hatte im Krieg ein Kind und ihre ganze Familie verloren, wie auch mein Vater. Damals gab es keine Traumatherapie. Doch sie machten nicht Gott oder das Schicksal verantwortlich, son­dern verstanden, dass die Katas­trophe von Menschen gemacht war und nur Menschen etwas dagegen tun konnten. Dieses Anpacken und Weitermachen nach einer Analyse der Situation, das sog ich mit der Muttermilch auf. Wenn etwas in meinem Leben passiert, dann nur durch mein Handeln. Deshalb sollte man sich Zeit für die wichtigen Dinge nehmen und Unwichtiges von sich fernhalten.

Buch-Tipp

Rainer M. Schießler: Jessas, Maria und Josef. Gott zwingt nicht, er begeistert, Kösel Verlag, 20 Euro
ET: Dezember 2018
Foto: Barbara Donaubauer