4. Theoretischer Hintergrund

Besonders aktiv ist die Green Care Bewegung im deutschsprachigen Raum in Österreich. Derzeit zeigen rund 140 Betriebe in Österreich Interesse. Ein Blick über die deutsch-/österreichische Grenze (und auf die nachstehend angegebenen Websites) lohnt sich zur Generierung von Impulsen wegen der umfangreichen Projekterfahrung im Nachbarland. Die Initiative in Österreich kam allerdings nicht durch den sozialen Bereich sondern durch den landwirtschaftlichen Sektor.

Die Initiative wurde im Jahr 2011 in Wien durch die Landwirtschaftskammer Wien (http://www.lk-wien.at/) gestartet. Als Projekt- träger trat das Ländliche Fortbildungs- institut (http://www.lfi.at/) auf. Unterstützung zur Planung und Umsetzung des Projektes kam durch den Bund (http://www.lebensministerium.at/), das Land Wien sowie durch die Europäische Union.

International ist der Green Care Ansatz einige Jahre älter. U.a. in den Niederlanden gibt es seit Jahrzehnten Initiativen. In Deutschland existierten bereits im Jahr 2006 rund 700 Green Care Farmen (eine aktuelle Zahl konnte nicht ermittelt werden).

Das Kuratorium Deutsche Altenhilfe (KDA) machte Green Care zum Thema einer Tagung im Mai 2012 in Köln: „Von der Fensterbank ins grüne Quartier – Green Care auch für Menschen mit Pflegebedarf“.6 Namhafte Akteure des KDA handhaben das Konzept Green Care bereits als „das“ nächste große Konzept nach dem Quartiers- ansatz.
Was soll Green Care bewirken?

"Naturgesetze lehren uns, was wir eigentlich brauchen."
Michel de Montaigne
Herbst
Green Care setzt an den „Ursprüngen der Menschheit“ an. Es wird davon ausgegangen, dass sich der menschliche Körper seit der Steinzeit nicht wesentlich weiterentwickelt hat (laut einer Studie von Prof. Dr. Ganten, 2012). Der Mensch lebte zu dieser Zeit im direkten und intensiven Austausch mit der Natur. Das Tagwerk war geprägt durch Jagen und Sammeln zur Befriedigung der existen- ziellen Grundbedürfnisse. Auch der Lebens- und Wohnraum war noch nicht relativ abgekoppelt von der Natur, wie in der heutigen Zeit der Fall. Die relative Abkoppelung von der Natur erfolgt durch die technischen und zweifelsohne komfortablen Errungenschaften, wie sie die heutigen Gebäude oder auch die Fortbewegungsmittel mit sich bringen.


Green Care setzt nun hier gedanklich an: Die existenziellen „Trigger“ des Menschseins haben sich seit der Steinzeit nicht wesentlich geändert. Das ständige Aufhalten in einem relativ abgekoppelten Zustand von der Natur (z.B. durch die Verlagerung des Lebensraumes in ein Senioren- und Pflegeheim) kann existenzielle, urmenschliche Momente vermissen lassen, die Green Care wieder in den Lebensraum zurückbringt:
  • Glücksgefühle wecken
Die Farbe Grün zeigt beruhigende und Glücksgefühle bringende Wirkung.
  • Geistige Gesundheit: Effekte wissenschaftlich belegt
Es ist wissenschaftlich belegt, dass sich nach nur fünf (!) Minuten Naturer- leben anhaltende positive Effekte für Körper und Seele einstellen (laut einer Metastudie von Barton und Cretty, 2010).
  • Menschliche Spuren: Halt und Zugang zu Ressourcen
Eine Studie von Coerterier (1996) belegt, dass menschliche Spuren in der Natur positive Assoziationen wecken. Die menschlichen Spuren lassen (ganz basal gesprochen) die Möglichkeit auf Nahrung und Kontaktauf- nahme zu Mitmenschen erhoffen. Sie geben somit Halt und die Möglich- keit, sich Zugang auf die Ressourcen der Natur zu verschaffen (z.B. Lokal an landschaftlich reizvollen Orten). Auch an diesem Moment der Schaffung oder auch nur Wahrnehmung von gemeinsam gestalteter Natur mit der damit verbundenen positiven Assoziationen knüpft Green Care an.
  • Neugierde wecken
Die Green Care Elemente wecken Neugierde im positiven Sinn. Die Be- trachtung oder Erfahrung beispielsweise mit der Tierwelt kann wirkt positiv anregend wirken, positive Emotionen, Verbundenheit mit der Natur und Spannung (ebenfalls im positiven Sinn) erzeugen.
  • Sinnesreize anbieten
Je vielfältiger und abwechslungsreicher die Green Care Angebote umso größer sind die positiven Assoziationen und Sinnesreize. Entdeckungen bieten die Möglichkeit zum Austausch zwischen BewohnerInnen, Angehörigen, Mitar- beitenden oder Ehrenamtlichen.
Der Nutzen von Green Care
Veranstaltung im Garten
Ein nachhaltiger Nutzen von Green Care entsteht dann, wenn BewohnerInnen, Angehörige und Besuchende, Mitarbeitende und Träger resp. Einrichtungsleitung GEMEINSAM an der Thematik arbeiten. Nachfolgend wird der Nutzen für die jeweilige Gruppe von Protagonisten im Haus aufgeführt:

Nutzen für BewohnerInnen
    • Erweiterung des Alltagsraumes,
    • Erleben von Natur,
    • Anknüpfen an Erfahrungen und frühere Tätigkeiten,
    • Erleben von Beziehungen,
    • Aktivität,
    • Sinnstiftung, (gemeinsames) „Schaffen“ und die Möglichkeit, Anerkennung für Geleistetes zu erhalten.
Nutzen für Angehörige und Besuchende
  • Anknüpfungspunkte für Gespräche und gemeinsame Aktivitäten, dadurch
  • Förderung eines Miteinanders,
  • ausgefüllte Zeit für alle Generationen: auch für ein gemeinsames Entdecken mit Kindern (resp. Enkeln) bieten sich die Green Care Angebote an.
Nutzen für Mitarbeitende
  • Individuelles Einbringen (mit persönlichen Fähigkeiten) ist möglich,
  • Interdisziplinäres Arbeiten wird gefördert,
  • Vergrößerung des Handlungsspielraumes in der täglichen Arbeit durch zusätzliche Angebote,
  • Ausstrahlung der Freude am Tun (positive Erlebnisse und Emotionen) auf die BewohnerInnen
Nutzen für Träger und Einrichtungsleitung
  • Stiftung von Identifikation, erlebbare Unternehmenswerte,
  • gemeinsames, positiv besetztes Ziel,
  • Stützung eines angenehmen Arbeitsklimas und des Umfeldes
  • dadurch Unterstützung bei der Mitarbeiterbindung und Mitarbeitergewinnung,
  • Alleinstellungsmerkmal zur Abhebung vom Wettbewerb.
Bei einer gemeinsamen Arbeit und ständigen Weiterentwicklung von Green Care durch die die Akteure der Einrichtung (BewohnerInnen eingeschlossen), werden die „grünen Themen“ Teil der Lebens- und Milieugestaltung des Hauses. Die konkreten Maßnahmen im Alfons-Hoffmann-Haus werden im Folgenden beschrieben.