Beispiel Verabeitung von Traumata

Der Bruder unter der Eisdecke

Bilder einer 82-Jährigen 

Als zwölfjähriges Mädchen war L. M. mit ihrem kleinen Bruder auf einem zugefrorenen Fluss beim Schlittschuhlaufen. Der Bruder kam an eine Stelle, wo die Eisdecke sehr dünn war und brach vor ihren Augen ein. Er wurde unter dem Eis von der Strömung des Flusses weggespült und sie sah den Todeskampf des geliebten Bruders. Er konnte nur noch tot geborgen werden. Aus anfänglich unerfindlichen Gründen malte die 82-Jährige Serien von Bildern mit Wasserpflanzen, die sich in strömendem Wasser bewegten. Erst über die Malerei fand sie die Worte, um über dieses traumatische Kindheitserlebnis, das sie bis ins hohe Alter begleitete, zu sprechen.

A. H.

Ein unvergessenes Kriegserlebnis in Russland fand eine künstlerische Umsetzung

„Es war im Winter 1942 im Norden Russlands, wo wir in Sommerkleidung bei großer Kälte und ca. 60 Zentimeter Schnee schwere Abwehrkämpfe in den Wolchow-Wäldern hatten. Nach wochenlanger Entbehrung, von Ungeziefer befallen, das unsere Haut zerfraß, und abgefrorenen Gliedmaßen stießen wir auf ein Dorf, das erst mal verlassen erschien. Einzig in einem Haus brannte Licht. Auf Partisanen gefasst stand ich in mit der Waffe im Anschlag vor der Eingangstüre dieses Hauses. Die Türe wurde von einem Mann geöffnet, der mir in deutscher Sprache sagte, dass das Dorf vor wenigen Stunden evakuiert wurde. Doch dieses interessierte mich kaum noch, denn mein Blick wanderte in den Raum, in dem eine Frau an einer Staffelei stand und malte. Die Wände waren mit dicken Zeitungsschichten isoliert und ich sah ein völlig mit Reif überzogenes Fenster. Es hingen einige Bilder an den Wänden und in einer Ecke stand eine Ikone. Inmitten von undenkbarem, menschenunwürdigem Grauen und Leid, das ich als junger Mensch mit vielen Schäden überlebt hatte, stand diese Frau da und malte ein Bild. Ich ließ die Waffe fallen und klammerte mich nur noch an diesen Anblick. Wofür und warum hatte ich eigentlich gekämpft? Eine Erkenntnis, die in einem Augenblick lag. Später erfuhr ich, dass dieser Mann ein russischer Arzt war und mit seiner Frau als letzter in diesem Dorf blieb. Noch viele Jahre verband uns eine tiefe Freundschaft.“ 

Nach dem Krieg wurde A. H. Architekt. Das Zeichnen war ihm ein vertrautes Medium, doch erst in hohem Alter, in einem Haus der MÜNCHENSTIFT, konnte dieses Erlebnis durch das Angebot unter professioneller Anleitung der Künstlerin Roswitha Freitag neben vielen anderen Bildern malerisch umgesetzt werden.