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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Ehrenamt statt Trekking-Tour

Ehrenamtliche bereichern das Leben in den MÜNCHENSTIFT-Häusern und bieten Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen Unterstützung. Welche Besonderheiten das Ehrenamt gerade in Pandemiezeiten annehmen kann, zeigt ein Beispiel.
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Wenn es am Eingang des Hans-Sieber-Hauses läutet, steht eine zierliche kurzhaarige Frau bereit, um die Besucher*innen pandemiegerecht zu begrüßen. Durch die Maske hindurch fragt sie die Besucher*innen freundlich, zu wem sie wollen und ob eine FFP2-Maske und ein gültiger Coronatest mitgebracht wurden oder alternativ im Haus ein Test gemacht werden muss. Fünf Wochen lang unterstützte Ursula Richter als Ehrenamtliche in der Advents- und Weihnachtszeit die MÜNCHENSTIFT-Mitarbeiter*innen der Rezeption.
Etwas Sinnvolles tun
Eigentlich ist Ursula Richter IT-Analytikerin und steuert bei BMW ein Entwicklungsteam. Im Urlaub ist sie am liebsten auf Trekking-Tour weltweit unterwegs. Über Weihnachten war eine 6-wöchige Bergtour in Chile geplant, doch Corona machte dies unmöglich. „Ich fragte daher die Ehrenamtskoordinatorin Christiane Zöbeley, ob sie stattdessen eine sinnvolle Aufgabe für mich hätte“, erzählt die 54-Jährige. Der Kontakt bestand bereits, denn Ursula Richter ist seit einigen Jahren als Ehrenamtliche im Haus tätig. Da regelmäßige Besuche bei Bewohner*innen schwer mit ihrem Beruf vereinbar sind, unterhält sie eine Brieffreundschaft mit einer Dame des hauseigenen „Wohnen mit Service“. „Es entstand die Idee, dass ich bei den Mitarbeiter*innen der Rezeption einspringen könnte, die an den Feiertagen viel Unterstützung brauchen.“
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Spontaneinsatz an den Weihnachtsfeiertagen: Familie Geyer aus dem Stadtviertel gab zu Weihnachten ein Ständchen mit einer Drehorgel. Ganz stimmungsvoll spielte die Oma zum Schluss auf der Geige „Stille Nacht …“.
Ein besonderer Einsatz
In der Zeit vom 30. November bis 10. Januar arbeitete Ursula Richter fünf Tage pro Woche an der Rezeption, an den Weihnachtstagen sogar vier Tage lang hintereinander. Neben ihrer Hauptaufgabe, die Eingangstür im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, dass Angehörige, Handwerker*innen, Lieferanten und andere Gäste freundlich und vorschriftsmäßig empfangen werden, hilft sie bei Bedarf am Telefon, beim Verkauf, bei der Verteilung der Post oder der Ablage, seien es die aktuellen Tagesmeldungen, die Technikmeldungen oder die Ergebnisbögen der hauseigenen Coronatests von Besucher*innen. Dabei hat sie die Gelegenheit, sich mit Bewohner*innen und Pflegekräften auszutauschen und das Leben im Haus kennenzulernen. „Ich finde es bemerkenswert, wie entspannt der Tonfall der Pflegenden ist, das hätte ich nicht erwartet. Und auch die Kolleg*innen sind sehr nett und bedanken sich oft bei mir. Die Bewohner*innen kommen oft mit kleinen Anliegen oder um Zeitschriften zu kaufen. Mein Ziel ist, jeden persönlich mit Namen zu begrüßen“, erzählt sie lachend.
„Ich bin froh, etwas Sinnvolles in meinem Urlaub zu machen, die Zeit ist gut strukturiert und ich lerne Neues.“ In ihrer Arbeit hat sie vor allem mit jüngeren Menschen zu tun und hier sind es Menschen in der letzten Lebensphase. „Nicht die Technik steht im Mittelpunkt sondern der Mensch“, bringt es Ursula Richter auf den Punkt. „Dadurch komme ich in Kontakt mit existenziellen Fragen wie Krankheit, Tod und Hilfsbedürftigkeit und lerne vieles zu schätzen. Auch dass meine Mutter noch so gut drauf ist und bei sich zu Hause leben kann.“ In Leerzeiten unterstützt sie zudem Christiane Zöbeley, etwa bei der Weihnachtspost oder bei der Korrektur des „HanSie-Kuriers“, der hausinternen Zeitung, die die Ehrenamtskoordinatorin herausgibt.
Systematische Unterstützung
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Im letzten Jahr waren rund 110 Ehrenamtliche im Hans-Sieber-Haus tätig, 90 während des Lockdowns. Oft werden Einkaufsdienste übernommen oder Einzelbesuche. Das Ehrenamt ist sehr vielfältig und lebt von den unterschiedlichen Kompetenzen und Talenten, die die Menschen einbringen, betont Christiane Zöbeley: „So kam über die Ehrenamtsbörse im Gasteig eine Ehrenamtliche auf uns zu, die sich besonders gut in demenziell Erkrankte eindenken kann, eine andere ist eine regelrechte Zauberin, denn selbst sehr schwierige Menschen werden bei ihr ganz friedlich. Und unsere Chorleiterin Christine Schäfer führt derzeit Freiluftkonzerte durch, bei dem die Bewohner*innen im Garten singen und die Menschen aus dem Stadtteil am Zaun zuhören können.“
Chor im Freien: Die ehrenamtliche Chorleiterin Christine Schäfer trifft sich mit Bewohner*innen, Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen auch mal an der frischen Luft, das Publikum des Stadtteils freut sich über den Gesang.
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Da nicht viele Interessierte mit schwierigen Menschen umgehen können und viele Jüngere arbeitsbedingt nicht regelmäßig kommen können, arbeitet Christiane Zöbeley gerne projektorientiert. Viele der Einsätze mussten unter Corona ruhen, z. B. der Canasta-Club, den zwei Schülerinnen ausrichten, oder der Männerstammtisch, den ein Ehrenamtlicher seit 12 Jahren leitet. Auch viele persönliche Einzeltreffen mussten ausfallen, worauf auch briefliche Alternativen entstanden. Eine besondere Bedeutung kam dem Einkaufsdienst zu, da viele Bewohner*innen wegen der Infektionsgefahr nicht mehr selbst zum Einkaufen gingen. Es bildete sich eine eigene Gruppe innerhalb des Ehrenamtlichen-Teams, dem sich neue Ehrenamtliche anschlossen.
EHRENAMT bei der MÜNCHENSTIFT
In allen Häusern werden Ehrenamtliche begleitet und unterstützt. Die zentrale Ehrenamtskoordinatorin Birgit Buckan sorgt für die strategische Entwicklung des Ehrenamtes. Sie sucht Wege, das Ehrenamt auch in Coronazeiten zu erhalten und nötige Weichen zu stellen. „Das Ehrenamt bei der MÜNCHENSTIFT ist außergewöhnlich. Es hängt nicht von einer Person ab, sondern ist ein lebendiges System, bei dem die Zentrale Leitung den Koordinator*innen vor Ort den Rücken freihält und für Unterstützung und gegenseitigen Austausch sorgt“, resümiert Christiane Zöbeley.
Fotos: Marcus Schlaf, MÜNCHENSTIFT, Kulturzentrum GOROD
ET: März 2021