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Fokus

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Ein Leben zwischen Roboter und Demenzdorf?

Innovative Technologien in der Pflege und Betreuung müssen die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Worauf es bei der Planung für die Zukunft ankommt, erzählt Susanne Krempl, Fachreferentin für die Strategie der Pflege der MÜNCHENSTIFT.
Wie kann Pflege geplant und weiterentwickelt werden, wenn künftig eine große und neue Generation Pflegebedürftiger versorgt werden muss und genügend Pflegekräfte diese Aufgabe übernehmen sollen? Welche architektonischen Neuerungen und technischen Innovationen wie Robotik eignen sich? Was gilt es darüber hinaus neu zu bedenken? Welche Einstellung und welcher gesellschaftliche Konsens sind nötig?
Planung für die Zukunft
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„Sich zu überlegen, ob unsere Bewohnerinnen und Bewohner in Zukunft von Waschautomaten geduscht werden oder ihr Essen von einem Serviceroboter serviert bekommen, ist völlig irreführend", erzählt Susanne Krempl von der Stabsstelle Strategie Pflege und Betreuung der MÜNCHENSTIFT. „Es geht vielmehr um die Frage, wie wir in Zukunft eine hohe Lebens- und Arbeitsqualität garantieren können. Ein ethischer und gesellschaftlicher Konsens ist dabei die Grundvoraussetzung, aber auch soziologische und demografische Entwicklungen sind zu berücksichtigen", so Susanne Krempl. „Wir müssen mit einer Zunahme von Hochaltrigkeit und Demenz rechnen, gleichzeitig werden weniger Kinder ihre Angehörige innerhalb der Familien pflegen können. Auf diese Entwicklungen wie auch auf ein größeres Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Teilhabe, nach Privatheit und Individualität müssen zukünftige Pflege- und Betreuungskonzepte eingehen."
Souveränität und Selbstbestimmung 
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Mehrere Ziele stehen für die MÜNCHENSTIFT bei der Entwicklung innovativer Konzepte im Vordergrund: Oberste Priorität hat die Lebensqualität der Menschen in den Häusern, die trotz körperlicher und kognitiver Einschränkungen größtmöglich selbstbestimmt und autonom bleiben müssen. Ebenso wichtig ist eine Arbeitsplatzqualität mit zufriedenen und motivierten Mitarbeitenden, die eine Verbundenheit mit dem Unternehmen und seinen Pflegeleitbildern entwickeln, so Susanne Krempl: „Um dies alles auch nur annähernd erreichen zu können, sind neben ausreichend Fachkräften architektonische Veränderungen und technisch innovative Lösungen erforderlich, die in unserer Wertekultur verankert sind und eine zugewandte Pflege in den Mittelpunkt stellen."
Orientierung am Wertekanon 
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An den geplanten Neuerungen wird erkennbar, welchen Einstellungswandel innovative Technologien in der Pflege voraussetzen. So soll im Ersatzbau des Hans-Sieber-Hauses eine Sensortechnik zum Einsatz kommen, die demenziell Erkrankten mehr Mobilität eröffnet und sie gleichzeitig beschützt. Sobald sich ein desorientierter Mensch aus seinem Wohnbereich entfernt, wird eine Pflegekraft über Smartphone darüber unterrichtet und der Mensch geortet. „Überwachungstechnologien sind gesellschaftlich umstritten, können aber zu mehr Lebensqualität führen, vorausgesetzt dahinter steht ein strikt wertegeleiteter Konsens", so Susanne Krempl. „Die in unserem Pflegeleitbild verankerte Einstellung einer zugewandten Pflege zeigt sich daran, dass Technik hier allein helfend eingesetzt wird, eine Fachkraft den desorientierten Menschen persönlich überzeugt und in sein sicheres Umfeld zurückführt."
Entlastung und Gewinnung von Fachkräften 
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Auch die Pflegekräfte sollen durch innovative Technologien bei der Verwaltung und Gesundheitsvorsorge unterstützt werden. So ist derzeit etwa ein mobiles Dokumentationssystem im Testlauf. Mithilfe von Tablets kann die Pflege direkt vor Ort dokumentiert und dabei viele Wege und Zwischenarbeiten gespart werden. Auch durch bebilderte Speisepläne und durchgehende elektronische Wegeleitsysteme entfallen viele Arbeitsschritte, die mehr Zeit für zugewandte Pflege schaffen. „Gleichermaßen wird bei der baulichen Struktur und Ausstattung von Neubauten die körperliche und psychische Gesundheit und Zufriedenheit des Personals mitbedacht, da wir auch in Zukunft unseren Pflege- und Betreuungskräften ein qualitätvolles und anspruchsvolles Arbeitsumfeld bieten wollen", so Sybille Jochymski, Leitung der Bauabteilung. Neuerungen, die körperliche Arbeitsbelastungen mindern sowie ausreichend Bewegungsflächen für technische Hilfsmittel bieten, gehören ebenso dazu wie lärmreduzierende Lösungen und Räume zur Stärkung und Erholung. „Anfangs werden Investitionen und Schulungen nötig sein", so Susanne Krempl. „Doch langfristig wird dies vor allem bei den jungen Fachkräften zu mehr Arbeitszufriedenheit führen – entscheidend für die Gewinnung und Haltung von Mitarbeitenden in der Branche."

Zukunft planen

Susanne Krempl, Stabsstelle Strategie Pflege und Betreuung der MÜNCHENSTIFT, über die Zukunft der Pflege
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Welche Themen beschäftigen Sie als Fachreferentin für die Strategie der Pflege?
Zu meinen Aufgaben gehört es, im Blick zu haben, welche technischen Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie, der Sensorik und der Robotertechnik entwickelt werden. Ich reflektiere, inwiefern diese Techniken hilfreich sein können und wo sie unter den Rahmenbedingungen der MÜNCHENSTIFT die Lebensbedingungen unserer Bewohnerinnen und Bewohner sowie Mitarbeitenden verbessern können.
Welche persönlichen Visionen haben Sie?
In Zukunft wird es vor allem um die Zusammenarbeit der Generationen gehen. Wir werden nicht nur da sein, um die Übergänge zwischen den Lebensaltern, die Hilfe und Betreuung benötigen, zu erleichtern. Wir sollten für demenziell Erkrankte ein Demenzdorf entwickeln, das die Gesellschaft im Umfeld miteinbezieht und mitversorgt. Unsere Bewohnerinnen und Bewohner werden dort in Hausgemeinschaften individuell betreut und beschäftigt, die Pflege selbst findet diskret im Hintergrund statt. Auf dem Dorfgelände gibt es dann z. B. ein Lebensmittelgeschäft, ein Restaurant, eine Bar, ein Theater oder Kino. Das Dorf bietet Schutz und Austausch mit der Nachbarschaft. Solche Visionen können wir aber nicht allein entwickeln, sie brauchen gesellschaftlichen Konsens, Solidarität und Unterstützung.
Fotos: MÜNCHENSTIFT
ET: Juni 2020