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Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Eine Frage der Haltung

Was an Dr. Rudolf Nunn sofort auffällt, ist seine Freude am Gespräch. Seit einem Sturz vor einem Jahr lebt der 93-Jährige im Haus St. Martin. Da seine Frau bereits acht Jahre lang im Haus gelebt hat, kennt er noch viele der Pflegekräfte. Hinzu kommt Neugierde und Interesse, alles um ihn herum verstehen zu wollen. Wie diese Offenheit mit seiner Geschichte zusammenhängt, erzählt seine Tochter Astrid Nunn und lässt dabei einige der Lebensstationen ihres Vaters Revue passieren.
In einem katholischen Haushalt in Nürnberg aufgewachsen, prägte ihn die Haltung des Vaters. Dieser war überzeugter Anti-Nazi und musste deshalb auf eine Karriere als Jurist verzichten, hat sich aber nach Kriegsende bei der Entnazifizierung des Landes engagiert. Seinem Sohn versuchte er den Kriegsdienst zu ersparen. Als der 17-Jährige aber kurz vor Kriegsende noch nach Prag geschickt wurde, beschloss er zu desertieren. Wie er es schaffte, sich unter falschem Namen und Pass zu den Eltern in die zerbombte Heimatstadt durchzuschlagen, hinterließ er seinen vier Kindern und 10 Enkel*innen als lebendige Geschichten, ebenso die Erinnerungen an viele Lebensstationen als Goethe-Institut-Leiter.
Hatte er noch kurz vor Kriegsende ein Notabitur abgelegt, drängte es ihn danach ins Ausland. Er bewarb sich für ein Stipendium und kam 1951 für ein Jahr nach Lyon, wo er seine spätere Frau kennenlernte. Mit dem Studienabschluss als Romanist bewarb er sich beim Goethe-Institut und wurde für sieben Jahre nach Lyon geschickt. In dieser „Hauptstadt der französischen Resistance“ wurde ein Institutsleiter mit viel Feingefühl benötigt. „Obwohl er aus einer christlichen Anti-Nazi-Familie stammte und in eine einheimische Familie eingeheiratet hatte, war das eine sehr schwierige Aufgabe“, erzählt Astrid Nunn. Weitere Stationen in Brüssel, Teheran, Istanbul und Göttingen folgten, in denen er mit wechselnden welt- und kulturpolitischen Herausforderungen als Goethe-Institut-Leiter Haltung zeigen musste. In seine Göttinger Zeit fiel der Fall der innerdeutschen Mauer. Motiviert von der Beobachtung, dass der Westen viel zu wenig vom Osten wusste, setzte er sich auch nach dem Renteneintritt mit Vorträgen in ganz Deutschland für den Ausbau von Ost-West-Kontakten ein. Da die Kinder der Nunns in verschiedenen Ländern verstreut lebten, bot auch das einen Anlass für Reisen. „Als ihre Enkel klein waren, haben sich meine Eltern viel um sie gekümmert, sei es in Israel oder Griechenland. Ohne ihre Hilfe wäre z. B. meine Habilitation in vorderasiatischer Archäologie undenkbar gewesen“, resümiert Astrid Nunn. Dr. Rudolf Nunn ist am 22. Dezember 2020 verstorben.
ET: März 2021
Fotos: Astrid Nunn