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Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Gegen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Die 3. Bürgermeisterin der Landeshauptstadt München Verena Dietl wurde am 15. Juli zur neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der MÜNCHENSTIFT GmbH gewählt. Ein Gespräch über ihre Arbeitsschwerpunkte und Ziele.
Verena Dietl
Sie machten eine Ausbildung zur Pflegehilfskraft und arbeiteten die ersten Berufsjahre in der Pflege: Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Als ich volljährig wurde, wollte ich gerne mit Menschen arbeiten. Da wir Hause lange meine Oma gepflegt haben, beschäftigte es mich, wie es alten Menschen geht und wie Menschen mit Demenz leben. Ich entschied mich daher für eine Tagesgruppe mit Demenzerkrankten und habe dort viel gelernt. Nach einer Ausbildung zur Schwesternhelferin, wie damals die Pflegefachhelfer hießen, arbeitete ich dann 5 Jahre lang in der Pflege – anfänglich im stationären, dann im ambulanten Bereich, so habe ich beides kennengelernt. Und als ich das Studium der Sozialpädagogik anfing und nebenbei Geld verdienen musste, machte ich drei Jahre lang jedes Wochenende Pflegedienst. Als junges Mädel war das eine harte Aufgabe, aber ich bekam auch viel von den Menschen zurück. Sie erzählten mir ihre Lebensgeschichten und wir führten viele Gespräche, es gab auch Menschen, die zwar nicht redeten, aber auf andere Weise etwas zurückgaben. Das prägte meinen weiteren Weg. Es gehört zum Leben dazu, gebrechlich zu werden und Unterstützung zu brauchen. Man darf die Menschen dann nicht aus der Gesellschaft hinausdrängen.
Sie treten für Teilhabe und Chancengleichheit ein, was bedeutet das für die Münchner Senior*innen?
Wir müssen aufpassen, nicht in einen Zwei-Klassen-Gesellschaft zu fallen. Vor kurzem hielt ich mit der Sozialreferentin Frau Schiwy eine Pressekonferenz zum Thema Altersarmut. Vielen Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, reicht das Geld dafür nicht aus. Wir dürfen sie damit nicht alleine lassen und brauchen neue Ansätze. Die Förderung durch die Pflegeversicherung muss kostendeckend sein. Als Kommune ist es unsere Aufgabe, diese Forderung an den Bund zustellen. Es ist gut, dass jetzt die Grundrente kam, aber sie reicht in einer Großstadt nicht. Als Sozialbürgermeisterin habe ich meinen Blick darauf, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinandergeht, gerade auch im Alter.
Auch Integration und interkultureller Dialog stehen auf Ihrer Agenda: Was heißt das für die Altenpflege?
Vor 10 Jahren war ich zusammen mit Herrn Benker, der damals noch Stadtrat war, auf einer Stadtratsreise, um kultursensible Pflegeangebote in anderen Städten kennenzulernen. Bei uns gibt es eine große Vielfalt unterschiedlicher Kulturen, da z. B. die ursprünglichen „Gastarbeiter“ geblieben sind und hier älterwurden.Ich habe lange Jahre im Verein „Aktiv für interkulturellen Austausch“ (AKA) gearbeitet und war dort viel mit Senior*innen im Gespräch. Der Verein wurde vor 40 Jahren von „Gastarbeitern“ aus der Türkei gegründet und bietet Deutschkurse, Jugendarbeit und auch interkulturelle Seniorengruppen. Herr Benker verfolgt die interkulturelle Öffnung und setzte sie in allen MÜNCHENSTIFT-Häusern um. Was hier geschieht, wünscht man sich für die ganze Gesellschaft. Neben der interkulturellen Öffnung setzt die MÜNCHENSTIFT auch den Schwerpunkt auf LGBT. Als städtische Gesellschaft sehe ich die MÜNCHENSTIFT in der Pflicht, Vorreiter zu sein und für verschiedenste Menschengruppen, Angebote und eine offene Atmosphäre zu schaffen.
Sie haben sich auf dem Digitaltag 2020 dafür ausgesprochen, Senior*innen bei der Digitalisierung mitzunehmen, durch welche Maßnahmen?
Digitalisierung vereinfacht z. B. durch Onlineanträge vieles. Die Pandemie hat auch gezeigt, wie wichtig sieist, um Kontakt mit Freunden und Verwandten zu halten. Es ist wichtig, Ältere nicht abzuhängen, denn einigen fällt es schwer damit umzugehen. Wir müssen dafür sorgen, dass Ältere, die es sich nicht leisten können, technische Geräte zur Verfügung gestellt bekommen, so wie wir es auch bei Kindern und Jugendlichen planen. Aber auch mehr Kurse z. B. in den ASZ sind nötig.
Sie sind auch Aufsichtsrätin der MVHS, wie stehen Sie zum „Lebenslangen Lernen“?
Das„Lebenslange Lernen“muss in allen Lebensphasen unterstützt werden.An der MVHS soll mehr online angeboten werden, doch auch Schulungen vor Ort müssen weiter gehen. Hier muss für Barrierefreiheit gesorgt werden. Die Standorte der MVHS in drei MÜNCHENSTIFT-Häusern gefallen mir sehr gut und sind auch für die Stadtviertel sehr wichtig. Bewohner*innen und Menschen aus dem Stadtteil kommen hier zusammen.
Corona hat die Bedeutung und Wertschätzung von Pfleger*innen befördert: Was ist zu tun, um die Situation in der Pflege nachhaltig zu verbessern?
Tatsächliche Wertschätzung drückt man dadurch aus, dass man anerkennend zahlt, und dass man Menschen gut qualifiziert und ausbildet. Ich weiß, dass es ein Knochenjob ist und das Erlebte nicht an einem abprallt, dass es Sorgen, Probleme und Nöte gibt. Pflegeberufe brauchen gute Unterstützung und bessere Bezahlung. Das gilt für alle sozialen Berufe. Wir müssen die derzeitige Aufmerksamkeit dafür nutzen, um darüber Diskussionen zu führen. Als Stadt haben wir für unsere Töchter eine doppelte München-Zulage in die Wege geleitet, obwohl es nicht für alle Gesellschaften einfach ist, das umzusetzen. Bei der MÜNCHENSTIFT stehen wir zurzeit mit dem ausgehandelten Tarif ganz gut da. Die Personalkosten dürfen allerdings nicht über Pflegeplatzkosten auf die Pflegebedürftigen umgelegt werden, sonst wird eine Zwei-Klassen-Gesellschaft weiterbefördert. Hier brauchen wir dringend die Unterstützung vom Bund.
Welche Schwerpunkte wollen Sie als Aufsichtsratsvorsitzende legen?
Zur städtischen Daseinsvorsorge gehört es, ältere Münchner mit Pflege- und Wohnplätzen in kommunaler Hand zu unterstützen. Es sind daher auch weitere MÜNCHENSTIFT-Häuser geplant. Ich werde mich als neue Aufsichtsratsvorsitzende als erstes in den Häusern umschauen und mit den Menschen austauschen. Ich gehe damit zurück zu meinen Anfängen – mit dem Hauptanspruch, ältere Menschen in der Gesellschaft nicht allein zu lassen.
ET: September 2020
Foto: Carmen Lindemann