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Panorama

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Sich entscheiden

Sich richtig entscheiden und dem Wesentlichen zuwenden, ist immer wichtig. In dieser Zeit ganz besonders. Die Kabarettistin Luise Kinseher erzählt, wie Mama Bavaria ihr dabei hilft.
Luise Kinseher 1
Wie gehen Sie mir der derzeitigen Situation um?
Ich wurde völlig ausgebremst, zuerst wurden die Veranstaltungen abgesagt, dann der Film, den wir gerade drehten. Gleichzeitig lief ich auch noch gegen eine Glastüre und brach mir das Nasenbein.
Mittlerweile bin ich in der neuen Situation angekommen, bin zu Hause, halte mich strikt an die Regeln und mache das Beste daraus. Ich habe begonnen, einen Roman zu schreiben. Die Ausrede, keine Zeit dafür zu haben, gilt ja jetzt nicht mehr. Ich bin in einer komfortablen Situation, weil ich mich zurückziehen und die Chancen sehen kann, im Gegensatz zu einer Alleinerziehenden im Homeoffice oder einem Gastwirt kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin. Das Leben als Kabarettistin ist sowieso einsam, man fährt nicht nur allein von Bühne zu Bühne und Hotel zu Hotel, und auch zum beim Schreiben ziehe ich mich immer wieder für einige Zeit zurück.
Wenn ich mich in die Lage einer fitten 95-jährigen Bekannten mit mehreren Enkeln und Urenkeln versetze, dann ist das eine andere Dimension der Einsamkeit. Das darf man nicht vergessen. Dabei sind die ganzen Schutzmaßnahmen eine solidarische Erklärung an die Alten und Schwächeren. Ich fahre derzeit nicht zu meiner Mutter, sondern wir telefonieren dafür jeden Tag. Wenn man räumlich getrennt ist, rückt man mehr im Herzen zusammen. Die derzeitige Situation ist eine Übung im Abstand halten. Ich persönlich möchte, dass es weiter geht wie vorher, doch mit mehr Maß, mehr Achtsamkeit und Respekt. Es geht darum, andere zu schützen und Respekt voreinander zu haben. Die Gesichtsmasken stellen erstmal alle auf ein Level, egal ob Alter oder Schönheit, man ist nur ein Mensch.
Wie geht es mit Theater und Kabarett weiter? Und mit ihrem eigenen Programm?
Wie gesagt: Ich bin als Künstlerin in einer komfortablen Situation. Meine Aufgabe besteht darin, die Menschen mit Humor auf das Positive hin zu lenken. Deshalb schreibe ich jetzt ein Buch und hoffe, bald wieder auftreten zu können. Für das Theater ist das gemeinschaftliche Liveerlebnis und das emotional Unmittelbare entscheidend. Die Infrastruktur der Branche ist finanziell sehr belastet, auch bei den vielen Freiberuflern gibt es kaum Reserven. Vor allem für die jungen Künstler, die gerade erst durchstarten, ist die Situation sehr schwer. Man darf sich aber nicht von Existenzängsten lähmen lassen, denn dann geht die Kreativität verloren. 
Mein derzeitiges Programm „Mamma Mia Bavaria“ lebt von einer übergeordneten Perspektive, aber ich werde es aufgrund von Corona nicht mehr in der bisherigen Fassung spielen können. Doch die Person Mama Bavaria wird gerade als liebevolle Mutter aller Menschen gebraucht, in einer Heimat, die nicht ausgrenzt, sondern verbindet. Gefragt ist dabei ein Spagat aus Regionalem bzw. Heimatgefühl und globalem Denken, bei dem sich Menschen als eine Art Weltgemeinschaft verstehen
Luise Kinseher 2
Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Ich hoffe, dass die Menschen sich auf das Überraschende und die positiven Erkenntnisse einlassen und sehen, dass es nicht so weitergehen konnte wie bisher. Wichtig ist, umzudenken und sich zu fragen: Wie will ich leben? Brauche ich jeden Tag möglichst billiges Fleisch oder billige Reisen in die Ferne? Braucht es permanente Unterhaltung oder Kurzflüge zum Meeting nach Berlin? Ich hörte dieser Tage ein Mädchen sagen: „Ich möchte so gerne wieder in die Schule gehen.“ Jetzt entsteht das Bewusstsein, dass Schulen ein wertvolles Gut sind, für das wir dankbar sein sollten. Dankbarkeit ist überhaupt das Zauberwort: Wenn man eine schwierige Situation mit Dankbarkeit betrachtet, dann erhält sie eine hoffnungsvolle Komponente. Wenn wir das auch in dieser Krise schaffen würden und auch erhalten könnten, dann ginge es in eine gute Richtung weiter! Als Kabarettistin werde ich getrimmt, das Schlechte zu sehen. Ich habe lange damit gehadert, denn ich schaffe es nicht, immer nur an anderen herumzunörgeln wie die vielen Satire- und Talkshows, die vor allem auf Konfrontation aus sind. Deshalb bin ich froh über die Figur der Mama Bavaria, ich kann die Finger in Wunden legen, jemandem sagen, dass er z. B. „ein Depp“ ist, aber ich kann es liebevoll tun. Mama Bavaria erkennt die Probleme, denkt aber auch gleich an die Lösungen. Sie ist lösungsorientiert.
Was rät Mama Bavaria ihren Kindern?
Jeder Mensch weiß im Innersten, was wichtig im Leben ist, manche schauen nur nicht so genau hin, weil sie getrieben sind. Man sollte öfters still sein und in sich hineinhören. Ich meditiere zum Beispiel seit langem. 
Es ist erstaunlich, wie viel Geld der Staat plötzlich zur Verfügung hat, ich dachte, nie würde sich etwas ändern. Ich hoffe, dass jetzt mehr für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen getan wird und die Mitarbeiter endlich eine angemessene Bezahlung erhalten. Die gesellschaftliche Erkenntnis wächst, dass hier etwas geschehen muss. Wenn die Not groß ist, dann ändert sich etwas, das kennt man ja auch aus seinem eigenen Leben. Man erkennt, dass man auch an sich selbst etwas ändern muss und schiebt nicht mehr anderen die Schuld in die Schuhe oder erfindet irgendeine Verschwörungstheorie. Jeder ist auf sich zurückgeworfen, das Richtige zu tun. Das ist ein Lernprozess. Es wird sich zeigen, ob wir die richtigen Entscheidungen treffen werden. Wir können uns entweder verbittert verschließen, lassen die Rechten erstarken oder einem entfesselten Kapitalismus freien Lauf. Oder wir entscheiden uns für Mitgefühl und Mitverantwortung. Ich hoffe letzteres.
Die letzten Kommunalwahlen gingen in der Aufmerksamkeit unter: Wie sehen Sie dies aus kabarettistischer Perspektive?
Die Aufmerksamkeit war abgelenkt von parteipolitischen Querelen, mit den Schlagabtäuschen zwischen den Kandidaten. Die OB-Wahl wurde zwar spannend gemacht, aber weil der OB Reiter gute Arbeit gemacht hatte wurde er zurecht wiedergewählt. Die Menschen sind zurückgeworfen auf ihre Gesundheit und ihre Existenz, sie waren nicht so vereinnahmt von ihren vielen Terminen und Freizeitmöglichkeiten. Sie beschäftigten sich mehr mit der Frage, was wirklich wichtig ist und was nicht.
Zum Abschluss: Wie halten Sie es eigentlich mit dem Älterwerden?
Ich bin jetzt 51 Jahre alt geworden. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich Falten, ich fühle mich nicht mehr ganz so fit wie früher und ich bin in den Wechseljahren. Dieser Augenblick hält aber nur einen Moment an. Dann kommt die Dankbarkeit dafür, dass ich so alt geworden und so gesund bin. Warum über das Altern aufregen, wenn ich es nicht ändern kann? Ich will mir mein Leben davon nicht verderben lassen, dafür ist es zu schade. Älterwerden gehört einfach dazu. Das Älterwerden ist nur ein Problem, wenn ich mich selbst nicht mag. Deshalb ist es wichtig, sich selbst zu mögen. Ich kümmere deshalb um Dinge, die ich verändern kann... beispielsweise um ein gepflegtes Äußeres, man kann sich die Haare färben – nicht jeder ergraut schließlich auf schöne Weise und man muss sich auch nicht hässlich anziehen.
Fotos: Martina Bogdahn
ET: Juni 2020