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Panorama

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Miroslav Nemec tritt mit seiner Band bei der RESPEKT-Kampagne der MÜNCHENSTIFT auf. Der Darsteller des beliebten Münchner Tatort-Kommissars Ivo Batic erzählt, wie er zur Musik kam und sich für mehr Respekt einsetzt. 

Mehr Ungeduld!

Miroslav Nemec
Sie sind dieses Jahr 65 geworden. Wie haben Sie sich im Laufe der Zeit verändert?
Ich wiederhole nicht mehr so oft alte Fehler, kann schneller zum Punkt kommen und entscheiden. Zudem nahm meine Ungeduld gegenüber Menschen zu, die keinerlei Respekt haben. Die Ungeduld hatte ich schon immer, aber die Welt hat sich verändert. Viele Menschen sind so sehr auf sich bezogen, sodass Empathie und Respekt für andere abnehmen. In Zeiten von Trump, Erdogan & Co. wünsche ich der Jugend, wie es Mutter Courage in dem Stück Bert Brechts ausdrückt, eine lange Wut, d.h. eine große Ungeduld mit langem Atem. Die Aktivitäten der Friedensbewegung haben hier nicht gereicht, wo war sie beispielsweise während des Jugoslawienkriegs, als der direkt vor unserer Haustür stattfand? 
 
Sie lebten als Kind in Zagreb und in Freilassing…
Ab meinem sechsten Lebensjahr war ich ein Wanderer zwischen den Welten, bis ich als 12-Jähriger zu meiner Großtante nach Freilassing kam. Als der Jugoslawienkrieg ausbrach, holte ich meine Eltern nach München, aber sie wollten aus Solidarität wieder zurück, wo ihre Freunde und Familie lebten.
 
Welche Rolle spielte für Sie der Jugoslawienkrieg?
Dadurch dass meine Familie und Freunde in Kroatien waren, betraf es mich ganz besonders. Da ich viele Theatervorstellungen hatte, konnte ich nicht einfach wegfahren, hatte aber ein schlechtes Gewissen und wollte etwas von hier aus tun. Zusammen mit Freunden rief ich daher einen Verein für Kriegswaisen ins Leben. Wir knüpften an ein Projekt an, bei dem Eltern mit eigenen Kindern jeweils fünf bis sechs Waisen aufnahmen. Die Situation der Kurden erinnert mich heute daran, wie ich es damals empfand: Es ist Krieg und keiner greift ein. Man fühlt sich alleingelassen. Es ist klar, dass wir hier alle mit vielen Problemen konfrontiert werden und dass den Menschen damit auch die Empathie ausgeht.  
 
Sie leben auch heute in beiden Welten: Wie nehmen Sie den Unterschied zwischen Deutschland und Kroatien wahr?
Die Mentalitäten unterscheiden sich natürlich. Man meint, die Menschen in Kroatien ignorieren viele Probleme, aber ich denke, sie nehmen nicht alles so ernst. Sie sehen sie und wüssten, was zu tun ist, leben aber trotzdem gut weiter. Sie sind gelassener, fatalistischer, lebensfröhlicher, -bejahender. Wir hier lassen uns hingegen von morgens bis abends von Katastrophenmeldungen einschüchtern.
 
Wie kamen Sie dazu, Musik zu machen?
Mit fünf Jahren bekam ich Klavierunterricht, mit fünfzehn Jahren hatte ich meine erste Band und später studierte ich im Salzburger Mozarteum Musik. Später als ich den Kriegswaisenkinderverein gründete, mussten wir Gelder sammeln und so belebte ich wieder meine Jugendband Asphyxia. Zudem sprach mich eine Band aus Hof an, ob ich an einem Konzert gegen Rassismus und Ausländerhass mitspielen wollte, daraus entstand dann die Miro Nemec Band. Mit beiden Bands spiele ich noch heute Konzerte.
 
Wie kam es zu Ihrer Biografie, die 2011 erschien?
Ein Verlag sprach mich 2008 an. Zunächst meinte ich, ich sei noch zu jung für eine Biografie. Aber dann entschied ich mich doch dafür, weil es für meine Töchter und auch für mich interessant sein könnte. Es war eine gute Möglichkeit, über Erlebtes nachzudenken und es neu zu überprüfen. Bei jedem Menschen verfestigt sich ja manches zu einer Wahrheit, wie sie vielleicht gar nicht war. Bei Lesungen aus der Biografie begleite ich mein Leben auch musikalisch am Flügel und an der Gitarre. Es gibt auch Abende, an denen mich meine Band Asphyxia begleitet.
 
In Ihrer Biografie verarbeiten Sie auch die Zeit des Jugoslawienkrieges…
Genau. Das mache ich aber auch in meinem zweiten Krimi „Kroatisches Roulette“, der im letzten Jahr erschienen ist. Mit dem Ich-Erzähler stricke ich eine Geschichte, die erfunden ist, aber sie hat mit meinen persönlichen Erfahrungen damals zu tun. Ein Teil des Krimis entstand aus einem Gefühl des schlechten Gewissens heraus, da in meiner Heimat Krieg war, ich aber hier in Sicherheit lebte.
 
Wie geht es weiter?
Ich finde es wunderbar, Musik, Schauspiel und Schreiben miteinander zu verbinden. Es erweitert mein Spektrum um das, was mir bisher noch gefehlt hat. Es ist schön die Erfahrung zu machen, dass mit den Jahren das Spektrum an Möglichkeiten nicht enger, sondern breiter wird. Ich suche immer nach neuen Herausforderungen, die Sinn und auch Spaß machen. Es gibt daher auch nichts Bestimmtes, das ich noch unbedingt machen möchte, das ergibt sich in einem stetigen Prozess. Mir ist es wichtig, dass ich dabei immer auch zu mir selbst finde und dadurch für andere, derjenige sein kann, der ich bin.
Fotos: Barbara Donaubauer
ET: Dezember 2019