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Panorama

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Wider den Jugendwahn

Dietmar Holzapfel leitet seit 1994 die legendäre Gaststätte Deutsche Eiche, die nicht nur eines der ältesten Münchner Schwulentreffs, sondern mittlerweile auch als Hotel und Saunatreff weltbekannt ist. In seinen Stadtführungen zeigt der 63-Jährige auch gerne das schwule München. Wir fragten ihn, wie er es mit dem Älterwerden hält. 
Wie wird Älterwerden in der Community gesehen?
Dietmar Holzapfel 1
Der Jugendwahn bei schwulen Männern ist ausgeprägter als sonst in der Gesellschaft, da das äußere Erscheinungsbild sehr wichtig ist. Das macht Älteren besonders zu schaffen, viele von ihnen sind Singles, die oft allein und einsam leben. Immer häufiger erzählen mir auch Männer, dass sie erst mit dem Älterwerden zu ihrer Homosexualität gefunden haben, bis dahin führten sie ein Doppelleben und haben dann oft alles hinter sich abgebrochen. Um jemand kennenzulernen, muss man in der Szene ausgehen. Seitdem Schwulsein aber mehr oder weniger als Normalität gesehen wird, haben viele Rückzugsorte in München geschlossen. Für die Älteren gibt es kaum Lokale, in denen sie sich treffen können. Lesbisch lebende Frauen haben in München noch viel weniger Möglichkeiten. Die Deutsche Eiche ist einer der wenigen Orte, in denen sich auch Ältere kennenlernen können, es gibt in der Gaststätte unterschiedliche Stammtische, die sich regelmäßig treffen, und das Badehaus für schwule Männer ist bereits ab Mittag geöffnet, wenn Ältere Zeit haben.
Welche Modelle des Altwerdens findet man in der Szene?
Schwulen-Wohngemeinschaften sind mir bisher nicht bekannt. Es gab mal eine Stiftung, die versuchte, ein Altenheim für Schwule zu eröffnen. Aber schwule Männer wollen nicht gemeinsam alt werden, durch das Alleinsein werden viele im Verlauf der Jahre sonderbar. Ich hatte einmal die Idee, aus der Deutschen Eiche ein Altenheim zu machen, doch ich denke, dass es sinnvoller ist, einen gewinnorientierten Betrieb zu unterhalten und dann Projekte zu unterstützen.
Wie schaut es bei Ihnen aus? Sie haben schon eine Krebsdiagnose überlebt...
Dietmar Holzapfel 2
2013 wurde Bauspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Nach drei Monaten stellte sich heraus, dass es eine Fehldiagnose war. Wir hatten schon über meine Beerdigung und alles andere gesprochen. Das war eine schlimme Zeit, aber ich bin der Meinung, dass man so schnell wie möglich in sein alltägliches Leben zurückkehren muss, damit man vergisst. Ich habe den Vorteil, finanziell unabhängig zu sein und mit meinem Mann schon 42 Jahre glücklich als Paar zusammen zu leben – eine Seltenheit in der Szene. Wir haben über die vielen Jahre die Veränderungen des eigenen Älterwerdens erlebt. Mein Mann Sepp und ich haben alles so geregelt, dass wir füreinander sorgen und uns gegenseitig beerben. Ich bin mir sicher: Unsere Liebe ist so stark, dass sie auch hält, wenn wir krank oder pflegebedürftig werden. Und wenn einer von uns übrigbleibt und Hilfe benötigt, hoffen wir, dass unser Adoptivsohn Roger in unserem Sinne entscheiden wird. In meinem persönlichen Umfeld gibt es zwei Menschen die mir sehr wichtig sind. Meine Mutter ist jetzt 91 Jahre alt und leider dement, eine gute Freundin ist genauso alt und schwerstpflegebedürftig bei vollem Bewusstsein. Ich besuche diese Freundin jede Woche.
Welche Vorhaben liegen Ihnen besonders am Herzen?
Ich möchte gerne meine Autobiografie schreiben, ich habe viele Ordner mit Unterlagen gesammelt und bräuchte jetzt drei Monate Zeit am Stück für das Schreiben. Eine Herzenssache ist mir, mit meinem Mann Sepp so lange wie möglich glücklich zu leben und gemeinsam alt zu werden. Wir arbeiten beide viel, derzeit bauen wir gerade ein Haus in der Herrenstraße um. Im damaligen „Why Not“ wurde die berühmte Sängerin Donna Sommer entdeckt. Darunter im Kellergewölbe entsteht eine neue Probierbar und darüber fünfzehn Mitarbeiter-Wohnungen. Und natürlich werde ich meine Stadtführungen, die mir große Freude bereiten, weiter machen.
Fotos: Barbara Donaubauer
ET: März 2020