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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Alternativen

Über die Kraft der Gemeinschaft und die Suche nach neuen Wegen erzählt Heio von Stetten im Interview. 
Heio von Stetten 1
Sie besuchen regelmäßig die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses St. Maria Ramersdorf. Wie kam es dazu?
Als die Mutter meiner Frau durch Corona in Bozen völlig isoliert war und wir sehr verzweifelt waren, wies mich ein Freund auf die Situation der Menschen im Haus St. Maria Ramersdorf hin. Da es schrecklich ist, allein zu sein, beschloss ich, die Menschen abzulenken und damit zu etwas Schönem beizusteuern. Ich brachte zu Ostern Blumen mitund trotz räumlicher Distanz konnte ich mit den Menschen auf ihren Balkonenreden und gemeinsam singen. Der Star war allerdings mein Hund, eine Pflegerin machte mit ihm eine Runde durch das Haus.
Wie ging es dann für Sie weiter?
Ich kam sechs Wochen lang jedes Wochenende. Die Besuche wurden nur wegen meiner Drehaufnahmen unterbrochen.Ich habe aber vor, ab und zu wiederzukommen, denn es tut den Menschen gut, etwas außerhalb der Reihe zu erleben. Die Erfahrungen aus dem Lockdown sollte man nicht vergessen: Die Kontaktbeschränkungen waren zwar berechtigt, um die Ausbreitung der Krankheit zu minimieren, aber man sollte hinterfragen, ob die Eingrenzung von Menschen zugunsten anderer deren Würde berührt. Sofern möglich, sollte man sie in die Entscheidung miteinbeziehen. Es gibt dabei einen grundlegenden Unterschied zwischen denjenigen, die vor ihren Bildschirmen planen oder in ihren Laboren arbeiten und den Menschen vor Ort. Ersteren fehlt die Bodenhaftung. Vor Ort ist es schwieriger, denn ständige Kompromisse und permanentes Umdenken sind nötig. So wurde z.B. die Dosierung von Medikamenten am Erfahrungswert 35-jähriger Männer entwickelt. Aber eigentlich kann nur der Arzt vor Ort die richtige Dosierung für den einzelnen Patienten bestimmen. Sich jedes Mal wieder neu einzulassen, ist mühsam und erzeugt oftmals Anspannung und Angst. Doch können wir können nicht die Selbstverantwortung abgeben.Ich sehe aber, dass dieses Pflegeheim vorbildlich geführt wird und auch Wertschätzung für die Menschen da ist. Es ist kein privates Unternehmen, bei dem es um Gewinnmaximierung geht. Es war sehr gut, dass die Pfleger während der Krise beklatscht wurden, aber jetzt muss über eine gerechte Entlohnung für diese Arbeit nachgedacht werden. Zu solchen Gedanken kommt man, wenn man selbst betroffen ist, die eigenen Eltern gut unterbringen möchte, weil man sie nicht selbst pflegen kann.
Wie war das bei Ihnen? Sie stammen aus einer sehr großen Familie...
Meine Großeltern und Eltern haben bei uns auf dem Hof gelebt und sind dort auch gestorben. Meine Großväter starben, als ich sechs bzw. acht Jahre alt war.Ich fand es toll zwei Großmütter zu haben, die unterschiedlich und auch anders als meine Eltern waren. So hatten wir sechs Geschwister die Möglichkeit, uns unsere Ansprechpartner auszusuchen, aus heutiger Sicht ein Luxus. Es herrschte eine große Freiheit ohne Beobachtung. Ich war den ganzen Tag draußen bei den Pferden, Kühen, Hühnern und Hunden und half im Wechsel der Jahreszeiten beim Dreschen, Pflügen, Mähen oder in der Hauswirtschaft. Es gab einen starken Zusammenhalt in der ganzen Dorfgemeinschaft.
Wer waren Ihre Vorbilder?
Meine Ziehmutter war für mich sehr wichtig, sie ging meiner Mutter im Haushalt zur Hand. Man setzte sich zu ihr in die Küche und nach 15 Minuten war alles vergessen. Dann gab es noch eine Art zweiten Vater, ein Mann, der meinem Vater half, aber komplett anders war als er. Gerade in Zeiten der Konkurrenz und der Ablösung von meinem Vater vermittelte er mir, wie man Sachen anders sehen kann. Das hat mich sehr geprägt. Es ist sehr wichtig, Alternativen zu sehen. Das schlimmste Wort ist für mich „alternativlos“, denn es geht auch immer anders und es gibt immer einen Weg.
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Wie sind Sie schließlich zur Schauspielerei gekommen?
Durch Zufall. Ein Freund trug mich in die Theatergruppe unseres Gymnasiums ein, und weil ich beim ersten Treffen nicht dabei sein konnte, bekam ich die Hauptrolle mit dem meisten Text. Schnell merkte ich aber,dass mir das lag. Es war so, wie ich es vom Hof her kannte: Menschen kamen zusammen, planten und organisierten alles gemeinsam. Das begeisterte mich sehr und ich fand in der Schauspielerei letztendlich eine zweite Heimat. Ich entschied mich für diesen Beruf ohne zu wissen, dass es in der Branche oft anders zugeht.Im Kern geht es aber im Theater und Film um fein verzahnte Teamarbeit und die Fähigkeit zu Kompromissen, die Suche nach Lösungen und Alternativen. Die Erfahrung, dass der Einzelne sich nur im gemeinsamen Plan und Ziel entfalten und sinnig fühlen kann, ist die Konstante in meinem Leben.
Wie haben Sie sich mit dem Älterwerden verändert?
Ich werde genauer und wählerischer, vielleicht höre ich jetzt besser auf mich. Ich höre viel zu, auch den Gegenseiten und suche nach Alternativen, bevor ich überhaupt auf etwas reagiere. Es geht dabei auch um das Zulassen und Aushalten von Kontroversen, auch in sich selbst.Ich versuche zu beobachten und mir dann klar zu werden, was derzeit passiert. Das ist wichtig, denn wenn man personalisiert, z.B. sagt, dass jemand ein Depp ist, dann nimmt man die Argumente heraus und verhindert die Sachdiskussion.
ET: September 2020
Fotos: Christian Hartmann