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Panorama

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Natur als Kraftquelle

Hermann Giefer ist als Charaktermensch aus vielen TV-Serien bekannt. Über einige seiner Stationen, die Dreharbeiten bei „Dahoam ist Dahoam“ und seine Liebe zur Natur erzählt der 73-Jährige.
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Sie sind seit 13 Jahren bei „Dahoam ist Dahoam“ dabei: warum ist die Serie bei allen Generationen schon so lange beliebt?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Sie ist ungekünstelt und natürlich und spiegelt den Alltag in der Provinz wider, so wie ihn viele in Bayern kennen. Sie zeigt ihre Widrigkeiten und Schönheiten. Es gibt aber keine Toten und andere schlimme Dinge wie z. B. in Krimis. Hinzukommt der Dialekt. Die Geschichten beziehen alle Altersgruppen ein. Martin Kirchleitner, die Figur die ich darstelle, hatte über die Jahre zwei Liebschaften, die auseinandergingen. Da ich mich gegen eine dritte Liebschaft wehrte, entstand die Idee, eine Opa-Freundschaft zum jungen Bub Pauli aufzubauen, bei der beide z. B. oft gemeinsam angeln gehen.
 
Wieviel von Ihnen ist in Martin Kirchleitner?
Eine kleine Gemeinsamkeit gibt es: ich bin sehr handwerklich, ging früher gerne ins Holz und baute selber etwas – Brauerei ist ja auch ein Handwerk. Ansonsten ist wenig von mir in Martin Kirchleitner, denn ich bin alles andere als ein Geschäftsmann wie der Senior-Brauereichef. Zudem bin ich kein Bier- sondern ein Weintrinker. Ich bin allerdings oft erstaunt, wie die Autoren der Serie mein Naturell beobachten, das bestätigt auch meine Frau. Ich bin eher sensibel und ruhig, daraus entwickeln sie dann die Geschichten.
 
Sind die Texte fix geschrieben oder entwickeln Sie sie auf dem Set?
Meine Rolle ist fertig geschrieben und der Text steht fest. Trotzdem gibt es die Möglichkeit, ihn in Absprache mit dem Regisseur mundgerechter zu machen, um im Fluss zu bleiben. Doch die wichtigen Stichworte müssen alle präzise stimmen. Wenn allerdings in den Texten etwas falsch ist, können wir zu den Autoren und der Produzentin in den zweiten Stock des Hauses an unserem Drehort in Dachau gehen und darüber reden.
 
Wie läuft ein typischer Drehtag ab?
So eine Daily hat ein ziemlich strammes Programm. Es geht jeden Tag um 8 Uhr los, bei Außenaufnahmen manchmal früher, mit Kostüm und Maske geht es los, ab 9 Uhr startet dann der Dreh bis 18 oder 19 Uhr, bei Außenaufnahmen in der Dunkelheit auch nachts. Ich komme oft früher, weil ich von Mittenwald durch München fahren muss. Man muss fit sein und wissen, dass mit dem Arbeitsvertrag kein gemütliches Arbeitsdasein verbunden ist. Es ist ein hartes Brot, täglich muss man riesige Textpasssagen auswendig lernen und sehr durchgeplant und minutiös arbeiten. Es gibt aber auch viel Gaudi und es wird gelacht. Es ist wie in einer großen Familie mit außergewöhnlichem Gemeinschaftsdenken: man freut sich aufeinander und spricht sich ab.  
 
Wie steht es mit dem Theater, Sie waren ja im Volksschauspiel engagiert?
Ich habe in letzter Zeit kaum noch im Theater gespielt, denn ich muss nicht jeden Tag auf der Bühne stehen. Ich habe den Job immer gerne gemacht, oft stand allerdings der Broterwerb im Vordergrund, denn ich habe eine große Familie. Aber ich hatte auch viel Glück. Meine Zeit beispielsweise als Old Shatterhand neben Pierre Briece bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg war wunderbar. Es hat mir sehr geholfen beruflich nach vorne zu kommen, ich erhielt attraktivere und größere Rollen und bessere Gagen. Zudem konnte ich während der vier Saisons an sieben Vorstellungen in der Woche draußen spielen, auf einem Pferd reiten und für Gerechtigkeit kämpfen. Das hat mir viel Spaß gemacht, denn ich liebe die Natur und die Bewegung über alles!
 
Wie war das mit Ihrem eigenen Theaterprojekt in Mittenwald?
Nach den Karl-May-Spielen gründete ich 1994 in Mittenwald ein eigenes historisches Volkstheater, das „Kundschelamant“. Ich las mich in die Ortschronik ein und entwickelte Geschichten, die in dem Freilichttheater mit Pferden und Kindern aufgeführt wurden. Als Vorprogramm gab es Akrobatik wie im späten Mittelalter. Wenn ich meine Frau nicht gehabt hätte, die viele Nächte mit mir darüber saß, hätte ich es nicht stemmen können.
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Welche sind Ihre weiteren Pläne?
Dieser Tage war mein letzter Studiodrehtag bei „Dahoam is Dahoam“. Nach dem Dreh kamen alle zusammen, brachten Geschenke und ein riesiger Applaus ging los. Man muss allerdings sagen, dass es kein völliger Abschied ist, denn Martin Kirchleitner zieht sich aus seinem Business auf eine Hütte an einem See zurück und kommt bei der einen oder anderen Gelegenheit wieder zurück. Die Entscheidung mich zurückzuziehen, traf ich vor etwa einem Vierteljahr. Ich habe die lange Fahrerei satt, manchmal startete ich um 4 Uhr morgens in Mittenwald, um den Berufsverkehr in München zu vermeiden. Das steckt man im Alter nicht mehr so leicht weg. Durch die Corona-Masken während der Proben sehe ich die Mundbewegungen und die Mimik nicht mehr, was bei meinem schlechten Gehör schwierig ist. Am wichtigsten ist aber, dass war mir aber schon immer klar, dass ich in Mittenwald inmitten eines Paradieses lebe und hier mehr Zeit verbringen will.
 
Mittenwald war schon immer Ihr Kraftort, was heißt das für Sie heute?
Ich wohne am Hang des Kranzbergs und bin sehr viel draußen unterwegs, am liebsten ganz alleine. Ich bin vernarrt in die Natur und vor allem in die Wälder. Ich war ein begeisterter Skifahrer und machte auch Langlauf. Diesem Sport habe ich vor Jahren den Rücken zugedreht. Ich brauche die Zeit für mich – und die habe ich beim Gehen. Ich habe nur einen Fotoapparat für ein paar Stimmungsfotos dabei. Vor kurzem bin ich mit einer meiner Enkel*innen hoch zum Kranzberg, wir haben eine Feuerstelle gemacht und ich habe ihr die Pilze erklärt. Die Liebe zur Natur in Verbindung mit meinem Glauben hat sich im Verlauf der Jahre verstärkt. Man ändert sich mit der Zeit – aber nicht zum schlechtesten. Ich verstehe nicht, wenn man mit dem Alter hadert. Ich habe zwar bald eine OP wegen eines grauen Stars und auch andere Wehwehchen, aber es gibt keinen Grund traurig zu sein, dass man so alt geworden ist. Das Leben hat mich reich beschert.
Fotos: Marco Orlando Pichler
ET: Dezember 2020