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MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Ein Schnappskrügerl findet zurück

Ein 97-jähriger Bewohner des Hauses St. Josef überließ dem Jüdischen Museum ein Enzianschnapskrügerl der bekannten Enzianbrennerei Eberhardt. Dahinter steckt eine persönliche Geschichte aus Kindertagen.
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Im April erhielt das Jüdische Museum einen handgeschriebenen Brief von Philipp Reich, der im MÜNCHENSTIFT-Haus St. Josef lebt. Er bat darin, den Nachkommen der Münchner Enzianschnapsbrauerei ein Enzianschnapskrügerl des Unternehmens überlassen zu können. Der 97-Jährige war in dem Haus im Westend aufgewachsen, in dem die Enzianbrennerei Eberhardt ihre berühmten Spirituosen produzierte. Im Jahr 1879 gegründet, hatte sich die Brennerei der Familie Eberhardt zum bedeutendsten Hersteller von Enzianschnäpsen und -likören in Süddeutschland entwickelt. Zum dem Erfolg als „Bayerns berühmte Marke“ verhalf eine Werbestrategie mit Texten des Schriftstellers Georg Queri und Illustrationen des Grafikers Paul Neu. „Aus meiner Kindheit kann ich mich noch gut erinnern, dass wir im Hof neben dem Betriebsgebäude spielten und oft von der Familie Eberhardt Süßigkeiten bekamen“, erzählt Philipp Reich in seinem Brief. „Herr und Frau Eberhardt und die Tochter waren bei den Anwohnern wegen ihrer Freundlichkeit und liebenswürdigen Art sehr beliebt. Da wurde auch der im Hof – neben dem Betriebsgebäude – gelagerte, oft noch warm und rauchend sowie geruchsvolle Enzianrest nicht kritisiert.“
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Die Brennerei sei dann aber Ende der 1930er Jahre stillgelegt worden: „Von der Familie Eberhardt hörten wir seitdem nichts mehr. Ich schreibe Ihnen deshalb, weil mich der Verbleib der Familie Eberhardt sehr interessiert und der kleine Krug vielleicht an die Nachkommen der Familie Eberhardt zurückgegeben werden könnte.“ Das Jüdische Museum half schnell: Joseph Maran, ein Urenkel des Firmengründers und Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg, sammelt Erinnerungsstücke an die Enzianbrennerei und veröffentlichte auch einen Artikel über seine Vorfahren. Darin schildert er, wie der Firmeninhaber Eberhardt mit anderen prominenten Münchner Juden vorübergehend im KZ Dachau interniert war, danach in die USA immigrierte und die Brennerei nach einem Prozess bis 1952 wieder in Betrieb nahm. Der Historiker überließ dem Museum das Enzianschnapskrügerl, das jetzt an einen Teil der Münchner jüdischen Geschichte und Münchner Tradition erinnert.
ET: September 2020
Fotos: MÜNCHENSTIFT/Jüdisches Museum München