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Panorama

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Die Kraft der Erinnerung

Erinnerungsstücke verbinden uns mit schönen und schmerzlichen Ereignissen in unserem Leben. Dabei wird uns oft erst in späten Jahren bewusst, was uns wirklich wichtig ist. Dann bieten Erinnerungen eine beglückende Stütze für unser Leben.
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„Sich zu entscheiden, was am wichtigsten ist, fällt vielen schwer, weil viele Gegenstände unseres Lebens mit Erinnerungen und Gefühlen verbunden sind. Wir identifizieren uns derart mit ihnen, dass wir meinen auseinanderzufallen, wenn wir uns von ihnen trennen“ weiß Shirin Stiller. Bei dem Entscheidungsprozess, mit welchen von ihnen jemand am stärksten verbunden ist, steht die Umzugsbegleiterin den Men­schen zur Seite.
Hildegard Mittelberger hat sich beim Umzug in das Haus an der Tauernstraße auf Wesentliches aus ihren vielen Lebensstationen konzentriert. „Wenn ich an meinen Mann denke, geht mir das Herz auf", sagt die weitgereiste Münchnerin und hält ein gemeinsames Foto von ihnen hoch. Kennengelernt haben sie sich auf einer Busreise nach Budapest, sie war für jemanden eingesprungen, er lenkte die Reisegruppe als Busfahrer in die ungarische Hauptstadt. Die ersten Blicke, die sich im Rückspiegel des Bus­ses trafen, sind ihr wir gestern präsent. „Ich denke jeden Tag an ihn", erzählt sie mit dem Foto in der Hand.
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Auf dem Weg zu den olympischen Sommerspielen 1972 hatte Rudi Rauch, 79 Jahre (Bild Mitte) damals die große Ehre mit zwei weiteren Sportlern (Hans Teufel, links und Wolfgang Kunz, rechts) die Fackel als Fackelläufer ein Stück auf der Schmalenseehöhe bei Mittenwald zu tragen. Die Voraussetzung damals überhaupt teilzunehmen, erfüllte Rudi Rauch durch die von ihm 1965 im Team gewonnene Goldmedaille bei den Heeres-Skimeisterschaften der Patrouille. Das Foto hat bei dem sportbegeisterten Rudi bis heute einen Ehrenplatz.

Das Wesentliche im Leben
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Mit zunehmendem Alter werden Erlebnisse aus früheren Jahren immer gegenwärtiger. Das Langzeitgedächtnis wird aktiver, sodass vor langer Zeit Erlebtes einem so präsent vorkommt, als wäre es gerade eben passiert. Dieses verstärkte biografische Erinnern beginnt um die 50 und dient der Erhaltung einer Kontinuität unserer Identität, weiß Dr. Volker Faust von der AG Psychosoziale Gesundheit. Zudem lassen sich viele Einschränkungen des Alters mit schönen Erinnerungen kompensieren. Gegenstände aus der Vergangenheit bilden dabei eine wichtige Brücke.
 
„Jeder Mensch ist einzigartig und indi­viduell mit seiner Biografie und seiner Erinnerung", beobachtet Iris Beer, die zusammen mit zwei Kolleginnen der hausinternen Tagesbetreuung (HIT) die Bewohner*innen im Haus an der Tauernstraße begleitet. Iris Beer hat sich die Erinnerungsstücke von Hilde­gard Mittelberger zeigen und von der reichen Lebensgeschichte erzählen lassen. Dabei sind manche Tränen geflossen. Die beiden haben dabei auch viel gelacht.
 
Auch Stephan Jantzen von der HIT im Haus St. Josef setzt auf die Kraft der Erinnerungen: „Ich lese regelmäßig die Biografieblätter, die wir anlegen, und mache mir eine Notiz, wenn ich er­fahre, dass jemand z. B. die Lieder von Elvis Presley besonders liebt." Die Erin­nerungen helfen ihm dabei, anregende Gespräche zu führen oder die Männer­gruppe zu moderieren. „Wir reden über Schönes, aber auch über Verluste und Trauer, es tut gut, wenn man weiß, dass es Raum und Verständnis dafür gibt. Besonders viel Gelegenheit dazu ergibt sich beim Urlaub von der Pflege', bei dem wir Bewohner*innen auf einer Reise begleiten. In der ge­meinsamen Zeit erfahren wir viel von­einander und es entsteht Vertrautheit."
Erinnerungsbrücken schaffen
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Margarete Hoffmeister erhielt eine goldene Rose von ihrem Mann zur goldenen Hochzeit. 1960 hatten sie geheiratet. „Ich hänge sehr an ihr, weil es mit dem Umzug in das Haus St. Martin sehr schnell ging und ich nur wenig mit­nehmen konnte", erzählt die Münch­nerin, die mit 11 Jahren Vollwaise wurde. „Es war mir immer wich­tig, dass es meine Tochter einmal besser haben sollte. Mein Mann war sehr gesellig und hat meiner Toch­ter viel erzählt. Sie saß dann zwischen uns und wir haben gemein­sam viel gelacht." An den zahlreichen Aktivitäten im Haus nimmt sie gerne teil, denn auch dabei wird viel gelacht.
 
„Jede Gruppenarbeit ist Erinnerungs­arbeit", so Hedwig Gawlik von der HIT des Hauses. „Zurzeit treffen wir uns in kleinen Gruppen in den Wohnberei­chen oder mit einzelnen Bewohner*in­nen. Es geht immer darum, das Hier und Jetzt mit der Vergangenheit zu verknüpfen, das kann nur z. B. ein Ap­fel oder eine Sonnenblume sein." Sehr gute Erfahrung haben die HIT-Mitar­beiterinnen auch mit dem „Motomed" gemacht, das seit über einem Jahr den Menschen im Haus zur Verfügung steht. „Die virtuellen Fahrten durch verschiedene Städte und Länder akti­vieren viele positive Erinnerungen", so die HIT-Mitarbeiterin Barbara Pröls. Zurzeit richten sie ein Erinnerungs­haus im beschützenden Bereich ein mit Gegenständen aus früheren Jahr­zehnten. Diese werden demenziell Er­krankten dabei helfen, in Verbindung mit ihrer Lebensgeschichte zu treten, denn vor allem sie sind auf Erinne­rungsbrücken angewiesen. In dem Häuschen mit alten Sprossenfenstern steht schon ein alter Herd und ein Schaukelstuhl wie früher üblich in der Großfamilie. Auch Alltagsgegenstände wie eine alte Nähmaschine oder ein Telefon mit Wählscheibe sind geplant.
Fotos: Barbara Donaubauer, Carola Ostler
ET: Dezember 2020