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Pressedienst

München, 29. Januar 2021

Brief an Corinna Rüffer, Mdb

Siegfried Benker wehrt sich gegen Verunglimpfung der Altenpflege

Die Grünen-Bundestags­abgeordnete Corinna Rüffer hegt gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland den Verdacht, dass es in Deutschland bei Corona täglich massenhaft zu einer versteckten Triage-Situation kommt - das berichtete ebenfalls. Heimbewohner werden dazu gedrängt, auf eine Behandlung im Krankenhaus bei einer Corona-Infektion zu verzichten, um keine Intensivplätze für Jüngere zu belegen.

Unser Geschäftsführer Sigfried Benker empfindet diese Aussage als eine Zumutung für alle, die im letzten Jahr Pflege überhaupt noch aufrechterhalten haben.

Brief an Corinna Rüffler, MdB

Liebe Corinna Rüffer,

mein Name ist Siegfried Benker. Ich habe hier in München seit 1982 (!) die Grünen aufgebaut und war 20 Jahre Stadtrat und Fraktionsvorsitzender für die Grünen und habe das damalige Rot-Grüne Regierungsbündnis 16 Jahre mit geleitet. Seitdem bin ich auch Mitglied der Grünen. 

Seit 2013 leite ich die MÜNCHENSTIFT GmbH -  einer der 30 größten Träger für Altenpflege in Deutschland – und mit der größte Kommunale Träger. In den Häusern der MÜNCHENSTIFT GmbH leben knapp 3000 Menschen, davon knapp 2100 vollstationär untergebrachte, pflegebedürftige Menschen. Gleichzeitig haben wir den größten Ambulanten Dienst der Stadt.

Da du mit Sicherheit viel zu wenig Zeit hast, viel zu lesen halte ich mich kurz: Seitdem ich hier als Geschäftsführer tätig bin, habe ich mich unter anderem sehr um die Frage gekümmert: Wo versterben unsere Bewohner*innen? Als ich begonnen habe, sind knapp 70 Prozent der Bewohner*innen in unseren Häusern verstorben, knapp 30% in Kliniken. Eines der Qualitätsmerkmale war und ist für mich, dass die Menschen eben nicht im letztem Augenblick noch ins Krankenhaus gefahren werden, um dann im Notarztwagen oder in der Notaufnahme zu sterben. Diese Frage im Sinne unserer Bewohner*innen zu klären bedeutet: ein Zusammenspiel von Bewohner*in, Mitarbeiter*innen, Palliativkräften, Hospizvereinen, die bei uns tätig sind, Angehörigen, Ärzten, vorausschauender Vorsorgeplanung etc. etc. etc. Es ist für mich ein Qualitätsmerkmal, dass inzwischen knapp 80% der Bewohner*innen in ihrem letzten Wohnort – bei uns in den Häusern – sterben können.

Auch wir sind von der Corona-Pandemie getroffen worden. Von 1300 Pflegekräften hatten wir gleichzeitig ca. 100 in Quarantäne, teilweise im Krankenhaus und auf der Intensivstation. Den Betrieb konnten wir aufrechterhalten, indem alle an ihre Grenzen gegangen sind. Und diese müssen dann lesen und im Fernsehen sehen, sie würden „schleichende Triage“ durchführen.

Viele Bewohner*innen haben deutlich gemacht: Wenn ich erkranke, will ich auf keinen Fall mehr beatmet werden. Die Entscheidung trifft immer (!) der/die Bewohner*in und auch wenn nicht und keine Regelungen getroffen sind – trifft sie nie das Pflegepersonal (das dürfen und können sie gar nicht). Die Frage, ob jemand (wenn es keine Regelungen gibt) ins Krankenhaus kommt, trifft immer der dann hinzukommende Notarzt oder Hausarzt – und kein Notarzt wird einen Bewohner*in „still triagieren“.

Deine Aussage ist eine Zumutung für alle, die im letzten Jahr Pflege überhaupt noch aufrechterhalten haben. Es ist beleidigend, dass Pflegekräften, die im Frühjahr noch zu systemrelevanten Helden der Nation erklärt wurden, nunmehr unterstellt wird, sie würden Pflegebedürftigen die Hilfe verwehren und sterben lassen. Keine Pflegekraft kommt trotz höchster Ansteckungsgefahr jeden Tag in die Arbeit, um hier Triagen durchzuführen.

Diese Aussage ist jenseits aller Abläufe im Pflegeheim. Welche Pflegekraft, die sich auch in der Palliativversorgung in Coronazeiten intensiv kümmert und sich jeden Tag selbst gefährdet, um auch langjährige Bewohner*innen zu versorgen, würde eine heimliche Triage durchführen, um damit einem Krankenhaus – mit dem eine Pflegekraft im Altenheim nichts zu tun hat – einen Patienten vorzuenthalten, damit dort ein Bett frei bleibt?

Es macht mich traurig zu sehen, dass sich Grüne MdBs dazu hergeben, Fake-News zu bedienen und neue Verschwörungstheorien zu befeuern.

Es ist interessant zu sehen, wie schnell die Helden des Frühjahrs von Dir zu den Vollstreckern einer kaltblütigen Triage erklärt werden.

Was für eine Unterstellung.

Siegfried Benker

Die MÜNCHENSTIFT GmbH

ist eine gemeinnützige Gesellschaft und hundertprozentige Tochtergesellschaft der Landeshauptstadt München. Mit rund 3.000 Bewohnerinnen und Bewohnern in 13 Häusern und einer breiten Palette an Wohn-, Service- und Pflegeangeboten ist sie der größte Dienstleister für Senioren in München. Das bedarfsorientierte Angebot reicht vom Ambulanten Dienst, dem Menü-Service und der Tagespflege über das Wohnen mit Pflegeleistungen bis hin zu gerontopsychiatrischen Wohngruppen und der Hospizversorgung. Aktuell beschäftigt sie etwa 1.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist bundesweit größter kommunaler Ausbilder in der Altenpflege.