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Menschen

MÜNCHENSTIFT Onlinemagazin

Nachhaltigkeit im Wandel

Seien es E-Autos, regionale Nahrungsmittel oder Abfallreduzierung: Bei der MÜNCHENSTIFT steht Nachhaltigkeit auf der Agenda. Bis 2022 soll die Zertifizierung nach dem Öko-Audit der Europäischen Union, die 2020 im Alfons-Hoffmann-Haus startete, abgeschlossen sein. Wir haben Münchnerinnen unterschiedlicher Generationen gefragt, welche Bedeutung Nachhaltigkeit für sie hat.

Entwicklung in Wellenbewegungen

Die Rentnerinnen Christine Fischer, Usa Nolle und Elisabeth Redler unterstützen mit „Omas gegen Rechts" die „Fridays for Future"-Bewegung in München. Gudrun Hueber ist in ihrer Nachbarschaft am Ackermannbogen vielfältig aktiv. 
Nachhaltigkeit Omas
Wir sind Nachkriegskinder. In unserer Kindheit galt Sparsamkeit als Tugend, noch heute kratze ich jedes Glas aus. Damals war es mühsam, Lebensmittel herzustellen. Man tat sich zusammen, um sich die Arbeit zu teilen und zu erleichtern. Man verwendete vieles mehrmals und hatte eigene Gärten. Sogar Städter bezogen über Kontakte vom Land Obst und Gemüse und kochten selbst ein. Irgendwann aber besaß fast jede Familie einen Fernseher und man aß nicht mehr gemeinsam. Maßhalten und Sparsamkeit galten als spießig. Doch in den 1970ern begann in Subkulturen eine neue Phase des Selbstversorgens und Tauschens, Naturkostläden und Gemeinschaftsstrukturen entstanden. Nach dem Tschernobyl-Unglück im Jahr 1986 machte man sich große Sorgen und es gab dann z. B. Einkaufsgemeinschaften. Auf der anderen Seite entstanden große Lebensmittelketten mit billigen Angeboten und Importware, zu denen man keine Beziehung mehr hatte. Bei den Jungen, die sich heute für die Umwelt einsetzen, gilt Nachhaltigkeit nicht mehr als spießig, sondern als „cool und hip". Omas und Eltern sind ihnen aber keine Vorbilder, diese kommen als „Urban Gardening" oder „Upcycling" aus Berlin, das sind neue Bezeichnungen für „Gärtnern" oder „Wiederverwenden". Man hat mittlerweile Angst vor dem Klimawandel. Und aus der Bedrohung heraus entstehen wieder Gemeinschaften und Gemeinsamkeiten, die gesucht und gelebt werden, diese heißen jetzt z. B. „Sharing" oder „Running Dinner". Nachhaltigkeit kommt in Wellen. Wir hatten damals auch Angst um die Umwelt, daraus entstanden dann die Partei der Grünen, viele Initiativen oder auch Wohngemeinschaften. Heute entdeckt man als Fortbewegungsmittel wieder das Fahrrad und es gibt viele Ansätze für Nachhaltigkeit in der Praxis in Initiativen für gemeinsamen Wohnraum, gegenseitige Hilfe und Nachbarschaft, z. B. den Stadtacker am Ackermannbogen, Repair Cafés oder Hinterhofflohmärkte. Wir sind der Meinung, Bildung ist sehr wichtig, und für die Förderung von Nachhaltigkeit sind jetzt über die Initiative Einzelner hinaus Politik und Zivilgesellschaft dringend gefragt.
Foto: Carola Ostler

Von der Nische in die Mitte

Amelie Bauer, Initiatorin von „Alternativ unterwegs. Der erste alternativ-ökologische Stadtführer für München"
Nachhaltigkeit Amelie Bauer
Nachhaltiges Verhalten hat sich mit den Generationen gewandelt, wobei es große Unterschiede innerhalb der Generationen gibt. Oft waren die Ärmeren viel sparsamer. Mit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit entstand die Konsumgesellschaft. Während der Ölkrise der 1970er wurden die Grenzen des Wachstums sichtbar. Umweltfreundliches Handeln fokussierte auf einzelne Bereiche, z. B. Mülltrennung oder Luftverschmutzung. Heute geht es hingegen um den gesamten Lebensstil – wie wir konsumieren, produzieren und wirtschaften. „Fridays for Future" thematisiert daher nicht die Mülltrennung, sondern den CO2-Abdruck und die großen Strukturen. Wichtig ist es, dass sich die Generationen nicht gegenseitig die Schuld zuschieben, sondern sich gemeinsam darüber verständigen, in welcher Welt wir leben wollen und was wir bereit sind, zu verändern. Mit unserem Stadtführer wollten wir zeigen, was in München passiert und Anregungen für ein „gutes", umweltverträgliches Leben geben. Wir begannen 2015, seitdem kam viel in Bewegung. Das subkulturelle Nischenthema Ökologie ist in der breiten Debatte angekommen und „normal" geworden. Derzeit liegt die Hauptverantwortung bei den Einzelnen, was von Strukturfragen ablenkt. Es ist jetzt wichtig, Gemeinschaften zu schaffen, denn sie geben Hoffnung und bewirken mehr – mit einem Gratisnahverkehr erreicht man schließlich mehr als mit einer einzelnen Plastiktüte.
Foto: Michael Schauer
ET: Juni 2020