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Ehrenamt: Einen Platz finden und sich entfalten

12. März 2026

Rund 160 Ehrenamtliche zwischen 14 und 93 Jahren engagieren sich im MÜNCHENSTIFT-Haus an der Rümannstraße. Zwei Ehrenamtskoordinatorinnen (EAK) vermitteln passende Aufgaben – von Einzelbesuchen bis hin zu Veranstaltungen – und ermöglichen so Begegnungen, bei denen auch die Ehrenamtlichen von der Erfahrung und Lebensweisheit der Senior:innen profitieren können.

Mit Rollator und Rucksack wartet Sabine Poetsch im Foyer des Hauses an der Rümannstraße, als Yolanda Berriel de Grass zur Tür hereinkommt. „Ich hole sie ab und bringe sie wieder zurück“, sagt die Ehrenamtliche, prüft kurz, ob alles sicher sitzt, und dann gehen die beiden los. Für die 84-Jährige, die wegen ihrer Augen seit Jahren abends nicht mehr allein unterwegs ist und inzwischen eine Makula-Behandlung erhält, ist das ein Stück Freiheit.

Heute führt ihr Weg nicht zum Arzt, sondern zur Musik. Die beiden lieben Konzerte und sind Bach-Fans. Wenn die Zeit passt, nehmen sie an Ausflügen des Münchner Bildungswerks teil oder gönnen sich ein Essen. Dass solche Momente möglich werden, ist im Haus an der Rümannstraße kein Zufall: Rund 160 Ehrenamtliche zwischen 14 und 93 Jahren engagieren sich hier. Sie kommen aus 25 Nationen, beherrschen neben Deutsch über 25 Fremdsprachen und finden Aufgaben, in denen sie sich entfalten können. Möglich machen das vor allem zwei Ehrenamtskoordinatorinnen: Verena Lüdeke und Katharina Seifert.

Vom Lernen über Demenz zur freundschaftlichen Verbindung

Yolanda Berriel de Grass wurde in Mexiko geboren und lebt seit 1973 in Deutschland. Vor einigen Jahren recherchierte sie für eine Freundin zum Thema Demenz – und merkte, wie viel Wissen und Sensibilität es braucht. Sie belegte Seminare bei der Alzheimer-Gesellschaft. Kurz darauf erkannte sie bei einer Nachbarin Anzeichen einer Erkrankung und half, einen Tagespflegeplatz bei der MÜNCHENSTIFT zu finden. Sie besuchte die Nachbarin häufig – bis sie schließlich in einer Anzeige las, dass im Haus an der Rümannstraße Ehrenamtliche gesucht werden.

Die Ehrenamtliche Yolanda Berriel de Grass übernimmt neben weiteren Aufgaben im Haus auch einmal wöchentlich die Leitung einer begeisterten Jakkolo-Runde.

Im Gespräch mit der EAK Verena Lüdeke fand sie ihren Einstieg mit den Besuchen bei einer Bewohnerin, allmählich übernahm sie weitere Aufgaben. Die Ehrenamtliche begleitet zu Ärzt:innen und Ämtern, unterstützt bei Veranstaltungen und leitet eine Jakkolo-Spielrunde: freitags um 10 Uhr, mit Kaffee und Kuchen, oft mit rund einem Dutzend Teilnehmenden. Für viele Bewohner:innen sind solche Angebote feste Inseln im Wochenablauf.

Ein „Treffer“ für beide

Anfang 2024 kamen die Treffen mit Sabine Poetsch hinzu. Sie zeigen, wie sehr Ehrenamt vom passenden Match lebt. Sabine Poetsch lebt seit vier Jahren im Haus und nimmt rege am Programm teil – Gedächtnistraining, Gymnastik, Konzerte. Was ihr aber fehlte, war ein Gesprächspartner zum Spanischsprechen. Sie hatte es mit mehreren Ehrenamtlichen versucht, „aber es hat nicht ganz gepasst“. Dann vermittelte Verena Lüdeke den Kontakt zur engagierten Mexikanerin – und es war, wie Sabine Poetsch sagt, „ein großer Treffer“.

Sabine Poetsch spricht vier Sprachen, lebte als Au-pair in England, arbeitete später in Australien und verbrachte viele Jahre in Madrid und Mexiko. Mit Yolanda Berriel de Grass kann sie sich nicht nur in ihrer Lieblingssprache austauschen, sondern auch über geteilte Interessen. Im Februar feierten sie in einer Freundesrunde Sabine Poetschs 85. Geburtstag.

Yolanda Berriel de Grass und Sabine Poetsch teilen nicht nur die Liebe zur spanischen Sprache – sie begeistern sich auch für viele gemeinsame Interessen.

Wenn es einmal eng wird – etwa bei einer notwendigen Terminbegleitung – springt das Netz im Haus ein: Die EAK fragen über den Verteiler nach, wer Zeit hat. Sabine Poetsch nennt den Termin, die EAK organisieren die Unterstützung. Für Bewohner:innen ist das beruhigend. Und Ehrenamtliche wissen: Sie sind nicht allein, wenn etwas nicht planbar ist.

Zwei Koordinatorinnen, die die Fäden zusammenhalten

Dass Ehrenamt im Haus an der Rümannstraße so gut gelingt, hat viel mit der Arbeit im Hintergrund zu tun. Verena Lüdeke ist seit elf Jahren im Haus und bringt Projektmanagement-Erfahrung mit. Katharina Seifert kam Mitte 2024 dazu – nach Jahren in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit suchte sie bewusst eine Aufgabe „mit Sinn“. Beide betonen: „Hier geht nichts nach Schema F.“ Der Alltag reicht von Gesprächen mit Bewohner:innen und Ehrenamtlichen über Büroarbeit und Dokumentation bis zur Organisation von Konzerten, Gruppenangeboten und immer häufiger gut vorbereiteten Firmentagen in den Wohnbereichen.

Der Start ist dennoch klar strukturiert: Im einstündigen Erstgespräch klären die Koordinatorinnen Motivation, Interessen, Zeit und Grenzen. Auch kurze Einsätze sind willkommen – ob drei Wochen oder viele Jahre: beides zählt. Manche kommen mit konkreten Vorstellungen, andere möchten Möglichkeiten kennenlernen. Dann beginnt das, was Verena Lüdeke „Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl“ nennt: Sie stimmen sich mit Pflege und Wohnbereichsmanagement ab, behalten den Alltag im Blick und bringen Persönlichkeiten so zusammen, dass Begegnung gelingen kann. Entscheidend ist die Begleitung – gerade am Anfang und in regelmäßigen Abständen. „Das ist wichtig, denn Ehrenamtliche schenken ihre Zeit – und deshalb ist es absolut wünschenswert, dass auch sie einen Mehrwert davon haben“, sagt Katharina Seifert. Passt die Chemie trotz aller Sorgfalt mal nicht, wird neu vermittelt. Und wenn Abschied, Demenz oder familiäre Konflikte belasten, sind die Koordinatorinnen Gesprächspartnerinnen und Lotsinnen.

Ehrenamt heißt ankommen – und Abschied nehmen

Wie tief solche Beziehungen werden können, zeigt die Geschichte von Mariette Kole. Schon mit 26 übernahm sie ihr erstes Ehrenamt in Rio de Janeiro, bei Kindern in einer Favela. Als sie dann nach München kam, wollte sie ihr Deutsch verbessern und Anschluss finden – und wandte sich an das Haus an der Rümannstraße. Verena Lüdeke vermittelte ihr eine Bewohnerin, die sie über drei Jahre hinweg wöchentlich besuchte. „Wir haben viel gequatscht und uns wunderbar verstanden“, erinnert sich Mariette Kole an diese besondere Freundschaft. „Sie war wie eine deutsche Oma für mich.

Das Ehrenamt hilft Mariette Kole auch Deutsch zu üben

“Dann verschlechterte sich der Gesundheitszustand. In ihren letzten Lebenstagen besuchte Mariette Kole die Bewohnerin noch einmal: Sie saß am Bett und wusste nicht, ob ihre Worte noch ankamen – bis die starke ältere Frau sich aufrichtete und sie umarmte. Danach brauchte die 30-Jährige eine Pause. „Ich habe sie sehr vermisst und wollte mich nicht gleich in etwas Neues reinstürzen.“ Katharina Seifert erlebt das oft: Manche suchen sofort eine neue Aufgabe, andere müssen erst verarbeiten. „Ich bin für Gespräche da, lasse aber auch Raum“, sagt sie.

Ein halbes Jahr später war Mariette Kole bereit. Die EAK vermittelte ihr eine neue Bewohnerin: sehr selbstständig, ähnlich temperamentvoll. Die beiden fanden schnell gemeinsame Interessen – Musik und Oper. „Über das Deutschsprechen hinaus ist das wie heimelig werden“, sagt die Ehrenamtliche. „Hier geht es nicht um Diplome und Leistungsdruck, sondern um das Menschliche.

Ehrenamt in Zahlen – und in Wirkung

Rund 55 Bewohner:innen erhalten regelmäßig 1-zu-1-Besuche – durchschnittlich drei Stunden pro Woche. Insgesamt bringen die Ehrenamtlichen etwa 500 Stunden pro Woche ein: Einzelbesuche, Gruppenangebote, Unterstützung bei Veranstaltungen sowie Begleitdienste zu Ärzt:innen und Behörden. Hochgerechnet sind das rund 26.000 Stunden im Jahr – ein Gegenwert von etwa 333.000 Euro, wenn man ihn mit dem Mindestlohn von 2025 ansetzt. Vor allem aber bedeutet es: mehr Nähe, mehr Teilhabe, mehr Alltag, der sich nach Leben anfühlt. Für Bewohner:innen und Ehrenamtliche.

Warum es hier funktioniert

Ehrenamt gelingt hier, weil Engagement auf Struktur trifft: zwei Koordinatorinnen, die zuhören, passend vermitteln, vernetzen und auch bei Demenzverläufen oder Abschieden begleiten. Dazu kommen feste Abstimmungen im Haus, Fortbildungen und Begegnungsformate für Ehrenamtliche – vom Kennenlern-Treffen bis zur Jubiläums- und Weihnachtsrunde. Dahinter steckt ein professionelles Ehrenamtsmanagement, das zentral koordiniert wird. Es bündelt Erfahrung und trägt entscheidend zur Qualität bei (siehe Kasten). So bleiben Ideen realistisch, Hilfe kommt schnell dort an, wo sie gebraucht wird – und aus einem ersten Kontakt wird oft ein Engagement, das beide Seiten trägt. Ein Ehrenamt finden und sich entfalten – für viele beginnt das mit einem guten ersten Gespräch und Menschen, die im Hintergrund die Fäden zusammenhalten.

EHRENAMT BEI DER MÜNCHENSTIFT – ENGAGEMENT MIT SYSTEM

„Ehrenamtliche haben viele Fragen: Was muss ich beim Besuch von Bewohner:innen beachten? Wer berät mich bei Fragen rund um meine/meinen Bewohner:in? Wie kann ich mich über das Thema Demenz informieren? Und was muss ich beachten, wenn ich mit meinem Hund Bewohner:innen besuchen möchte?

(Birgit Buckan, zentrale Ehrenamtskoordination, MÜNCHENSTIFT)

Das Ehrenamt basiert auf zahlreichen Strukturen, Prozessen und Regelungen. Sie geben Ehrenamtlichen Handlungssicherheit sowie Transparenz und schützen sie vor Irritationen und Überforderungen. Nur so gelingt es, durch soziales Engagement reibungslos die Pflege und Betreuung im Alltag zu ergänzen und zahlreiche Win-win-Situationen für alle zu schaffen.“

Text: MÜNCHENSTIFT Magazin, Heft Nr. 115 – März 2026
Fotos:  VIOS Medien, Barbara Donaubauer