

- Menschen
Raum für Trauer und Wandel
Ulrich Keller, Fachreferent für Trauer und Trauma des Erzbistums München und Freising, hat sich der Arbeit mit trauernden Menschen verschrieben, über die Konfessionen hinweg. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen fließen nun in das neue „Haus am Ostfriedhof“ ein.
Was hat Sie auf diese Idee gebracht – warum gerade am Ostfriedhof?
Wir erleben eine Zeit großer gesellschaftlicher und religiöser Umbrüche, bei der auch Tod und Trauer sich wandeln. Unsere Leistungsgesellschaft lässt wenig Raum für Trauer. Viele tragen ihren Schmerz still mit sich. Doch Verluste prägen unser Leben – vom ersten Atemzug an. Jeder geht seinen ganz eigenen Trauerweg. Hinzu kommt, dass inzwischen achtzig Prozent der Menschen eine Feuerbestattung bevorzugen, Tendenz steigend. Am Ostfriedhof entstand deshalb eines der modernsten Krematorien Deutschlands. Zwischen Einäscherung und Beisetzung liegen drei Stunden: Zeit für Begegnung, Abschied, Gespräche. Mit dem neuen Haus am Ostfriedhof sehe ich darin die Chance, Menschen an dem Ort zu erreichen, an dem sie sich befinden. Ich habe ein offenes Haus für alle Weltanschauungen konzipiert – ein Ort, der diese Lücke schließt.
Was bringen Sie persönlich an Erfahrung in das Projekt ein?
Ich komme aus Aalen, habe in München und Benediktbeuern Philosophie, Theologie und Sozialarbeit studiert – später begann ich die Ausbildung zum Traumatherapeuten. Ich arbeitete in der Hospizarbeit seelsorgerlich. Seit zehn Jahren leite ich auch als Fachreferent für Trauer und Trauma dieses Projekt als Bauherrenvertreter. Nach 38 Berufsjahren gehe ich bald in den Ruhestand – und freue mich, meine ganze Erfahrung in das Konzept dieses Hauses einzubringen.
Was erwartet die Besucher:innen?
Das Haus soll einen Raum der Möglichkeiten und der Hoffnung bieten – offen für alle. Die Gastronomie bringt sieben Tage in der Woche Gäste zusammen. Immer ist hier ein seelsorgerischer Mitarbeiter ansprechbar, ohne Termin. Mittwochs laden wir zum gemeinsamen Mittagessen ein, sonntags zum Café. Mehrere Räume bieten Platz für Einzelgespräche, Gruppen, auch körperorientierte Angebote. Trauerfeiern finden im „Raum der Erinnerung und des Wandels“ statt. Trauer heißt für uns: sich erinnern und wandeln lassen. Digitale Medien helfen bei der Gestaltung und ermöglichen Livestreams für entfernte Angehörige. Workshops und Ausstellungen – auch mit der Münchner Volkshochschule – ergänzen das Programm. Das Haus wächst mit den Menschen, die kommen, und mit dem, was sie brauchen.
Wie schaut das Team aus?
Die Leitung hat eine Seelsorgerin. Fünf erfahrene Seelsorgende – darunter eine evangelische – sind im Einsatz. Zusätzlich wurden fünfzehn ehrenamtliche Trauerbegleiter ausgebildet. Ein neuer Ausbildungskurs startet gerade und läuft modular über ein Jahr. Alle Teilnehmende haben selbst Verluste erlebt. Nach der Ausbildung begleitet eine Seelsorgerin sie weiter auf ihrem Weg.
Was macht das Haus am Ostfriedhof besonders?
Mir war eine gute Atmosphäre im Haus besonders wichtig. Deshalb holte ich Barbara Fuchs – Künstlerin und Innenarchitektin – dazu. Grundlage war mein Modell der seelsorgerischen Begleitung „Haus der Trauer“. Licht und Farben spielen dabei eine zentrale Rolle. Glas, Holz und Messing schaffen eine zeitlose, warme und ruhige Stimmung. Die Friedhofsmauer durchquert das Gebäude symbolisch: Auf der einen Seite öffentlicher Raum mit Gastronomie, auf der anderen der Seelsorgebereich. Im Zentrum steht ein Kunstwerk aus Glasscherben, das als Lichtvertikale vom Keller bis zum Dach führt – vom Dunkeln ins Licht.
Text: MÜNCHENSTIFT Magazin, Heft Nr. 114 – Dezember 2025
Fotos: VIOS Medien